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  • Typ: Aktuelles
  • Datum: 23.07.2014

Start (-Up) E-Mobilität 

Autofahren und dabei die Umwelt schonen: Elektroautos machen es möglich. Aber führt die Innovation und von vielen erhoffte mögliche Revolution des Automarkts auch zu neuen Unternehmensgründungen?

Bisher sind es doch hauptsächlich die großen, altbekannten Branchenriesen wie BMW, Daimler und VW, die sich mit neuen E-Konzeptstudien profilieren. Und oftmals scheint es so, dass politisch motivierte CO²-Flottenvorgaben für ihr Engagement ausschlaggebend sind. Aber Unternehmensgründungen im Bereich der E-Mobilität? Die gibt es durchaus. Tesla ist hierbei sicherlich das Paradebeispiel. Der amerikanische Fahrzeughersteller hat sich auf die Produktion von emissionsfreien Seriensportwagen verlegt. 2003 im kalifornischen Palo Alto gegründet, hat sich das Unternehmen zu einem Global Player entwickelt, der zum Beispiel auch Daimler und Toyota mit Komponenten für elektrische Antriebsstränge beliefert.

 

Aber wie sieht es in Deutschland aus? Auch hier entwickelt sich die grüne Startupszene im Bereich der E-Mobilität besser als es das Fehlen eines Aushängeschilds wie Tesla vermuten lässt.

 

Die KPMG-Startup Experten Tim Dümichen, Timm Rode und Timo Beddig haben gemeinsam mit Ramin Nikbin (Head of Exec I/O) dieses Thema diskutiert und sehen im Bereich der E-Mobilität hohe Wachstumspotenziale.

 

Die wirtschaftlichen Chancen der E-Mobilität werden hochgelobt, dann aber wieder als Nischenprodukt abgetan. Müssen Autos mit E-Antrieb dauerhaft staatlich subventioniert werden?
 

Das wird nach unserer Überzeugung nicht der Fall sein. Wie bei allen neuen Massentechnologien ist es entscheidend, eine kritische Masse an Nutzern zu erreichen. Erst dann werden Investitionen in die notwendige Infrastruktur getätigt. Hersteller sind zudem auf Skaleneffekte in der Produktion angewiesen, um Preise im Vergleich zur herkömmlichen Technologie konkurrenzfähig gestalten zu können. Hier tun wir uns in Deutschland aktuell sehr schwer, die von der Politik angestrebten Zielwerte werden derzeit nicht erreicht. In nächster Zeit wird man daher sicherlich weiterhin staatliche Anreize brauchen, da die Initialinvestitionen von Produktstartups durchaus enorm sein können und ein „Lean“ Ansatz schwieriger zu realisieren ist. Entscheidend wird sein, Förderinstrumente – und zwar auch nichtmonetäre – intelligent zu gestalten, um einen Umstieg auf E-Autos für breite Bevölkerungsgruppen attraktiv zu machen.

Einen Branchen-Primus wie Tesla gibt es in Europa nicht. Haben sich auch in Deutschland Unternehmen von nennenswerter Größe entwickelt?
 

Wir haben in Deutschland derzeit sicherlich kein e-Mobilitäts-Start Up von der Größe und Bedeutung von Tesla. Das ist angesichts der gegenüber den USA deutlich ungünstigeren Bedingungen ins-besondere bei der Verfügbarkeit von Wagniskapital auch nicht zu erwarten. Es gibt aber eine Vielzahl von Start-Ups, die sich mit der Komponentenherstellung oder der Infrastruktur für die E-Mobilität beschäftigen. Der Wettbewerb um die E-Mobilität ist aktuell noch ein Wettbewerb um die Batterie mit der weitesten Reichweite und nicht um den E-Antrieb selbst. Dieser wird die deutschen Automobilkonzerne (BMW, VW, Mercedes) nicht vor eine große Herausforderung stellen, die Batterie hingegen schon. Vor diesem Hintergrund hat Tesla aktuell als Branchenprimus einen gewissen Vorsprung, den es zum Beispiel auch durch den Bau eines neuen Batteriewerks für 5 Milliarden Dollar verteidigen will. Deutschland bietet aber zum Glück durch die gute Infrastruktur (E-Tanksäulen) und der Forschungserfolge von BMW, Daimler, VW & Co ein gutes Umfeld für Innovationen. Neben Zulieferern sind hier vor allem auch Software-as-a-Service-Lösungen, Marktplätze und Software-Startups zu nennen.

Tesla hat die Freigabe seiner Patente angekündigt – wird dies den Startup-Markt befeuern?

 

Durch die Veröffentlichung / Open Source Einstellung der Tesla Patente wird sich einiges tun. Die Patente werden sicherlich aufgegriffen und genutzt, aber in Folge auch weiterentwickelt werden. Auch die Kooperationen zwischen Universitäten, Startups und Corporates werden die E-Mobilität fördern. Sobald das Bewusstsein geschaffen ist (und dies geschieht z.B. auch durch mutige Schritte wie den von Tesla), steigt die Nachfrage und wo Nachfrage ist, liegen Umsatzpotenziale. Der Markt ist gigantisch groß und Investoren werden sich diese Chance langfristig nicht entgehen lassen.
 

Viele der Startups bieten also ergänzende Produkte beziehungsweise Dienstleistungen zur E-Mobilität an?

 

Ja, in diese Richtung geht die Entwicklung – sicherlich auch, da nicht jeder das (private) Investitionsvolumen von Elon Musk, dem Gründer von Tesla, zur Verfügung hat. Es ist durchaus so, dass der Markt selbst bei Risikokapital-Gebern als riskant angesehen wird. Startups werden sich daher tendenziell stärker auf Produkt- als auf technische Innovationen konzentrieren.


Unternehmen wie das Startup „ubitricity“ sehen E-Mobilität ganzheitlich. Die Akkus der Autos sollen das Stromnetz entlasten, die Energiewende unterstützen. Verzetteln sich deutsche Unternehmen?

 

Die Ausgleichsfunktion von ubitricity ist vielmehr als Feature, nicht als Alleinstellungsmerkmal zu sehen. Das Konzept ist vielversprechend, senkt anfängliche Eintrittsbarrieren in diesen Markt und fördert den Fortschritt der E-Mobilität. 

Städtische Konsumenten die Carsharing-Angebote nutzen, evtl. ein E-Bike haben und offen sind für alternative Verkehrskonzepte – kann man so die Personengruppe beschreiben, die eine Vorreiterrolle bei der E-Mobilität einnehmen wird?

 

Marktplatzkonzepte bedingen Anbieter und Nachfrager. Serviceangebote wie Ladestationen rechnen sich erst, wenn eine bestimmte Nutzeranzahl erreicht ist. Also ja, Ballungszentren sind notwendig für eine erste Marktdurchdringung. Eine gewisse Offenheit zu neuen Technologien ist sicherlich auch nicht schädlich. Opinion Leader sorgen letztlich in vielen Bereichen für die zunehmende Verbreitung neuer Produkte und Technologien und sind somit im Hinblick auf einen nachhaltigen Erfolg nicht zu vernachlässigen. E-Mobilität lässt sich auch durch kleinere Transportmittel wie E-Fahrräder und E-Motorroller etablieren (Velocity Aachen, Jaano, FlyKly, LITMotors, Scoot Networks, GoGreen BOV). Dies gilt insbesondere für Emerging Markets wie China oder Indien. Aber auch in Deutschland ist das Marktpotenzial hierfür riesig, insbesondere in der jungen, urbanen Generation.

 

Tim Dümichen

Tim Dümichen

Partner, Tax

+49 30 2068-2939

Themenspecial Elektromobilität

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