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  • Branche: Chemie und Pharma, Gesundheitswirtschaft
  • Typ: Aktuelles
  • Datum: 07.08.2013

„Digitale Medizin ersetzt nicht den direkten Kontakt zwischen Arzt und Patient“ 

Interview mit Vir Lakshman, Head of Chemicals & Pharmaceuticals, und Prof. Dr. Volker Penter, Head of Health Care, zu den Trends und Ergebnissen der aktuellen KPMG-Studie „More than medicine“.

Wie in allen Industrien macht das veränderte Patientenverhalten auch nicht Halt vor der Pharma- und Gesundheitsbranche. Worauf müssen sich Unternehmen einstellen?

 

Vir Lakshman: Die Patienten sind heutzutage viel besser informiert und entsprechend wählerisch – sowohl bei der Medikamentenauswahl als auch bei der Behandlung. Die Branche muss darauf reagieren und die Entwicklung aufnehmen. Dafür muss sie aus eigenem Antrieb deutlich aktiver kommunizieren und eine umfassende Betreuung zu allen Bereichen der Patientenbedürfnisse leisten.

 

In der Öffentlichkeit wird der Veränderungsprozess oft auf die Formel verkürzt, die Branchen müssten eine „bessere Versorgung zu geringeren Kosten“ liefern. Ist diese Forderung sinnvoll?

 

Vir Lakshman: Auf den ersten Blick klingt diese Aussage paradox. Aufgrund der präventiven Vorsorge und stärker fokussierter Behandlungen gibt es aber tatsächlich die Möglichkeit, die Gesamtkosten zu senken. Oft leiden die Patienten an mehreren Krankheiten, so dass die Behandlungen abgestimmt werden müssen.

 

Big Data ist ein weiterer Trend, den die Branchen aufgreifen. Wie stark wird er den Pharmasektor in Zukunft beeinflussen?

 

Vir Lakshman: Big Data ist in der Tat ein enorme Herausforderung für die Unternehmen. Gleichzeitig stellt es eine große Möglichkeit dar, Behandlungswege zu verbessern. Zum Beispiel können die Ergebnisse aus klinischen Studien leichter analysiert, verglichen und verbreitet werden. Das hilft, um Medikamente schneller und effizienter auf den Markt zu bringen.

 

Gilt diese Entwicklung für die gesamte Gesundheitsbranche?

 

Prof. Dr. Volker Penter: Unsere Zeit ist von Vernetzung und hoher Informationsdynamik geprägt. Das macht natürlich vor dem Gesundheitswesen nicht halt. Da wir es aber in der Gesundheitsbranche zu allererst mit Menschen und dann erst mit Technologie zu tun haben, gibt es eine Reihe sehr spezifischer Herausforderungen. Nehmen wir das Beispiel Gesundheitskarte: Bereits heute wären wir theoretisch in der Lage, sämtliche Patientendaten zu erfassen und für niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser, Physiotherapeuten, Apotheken, Krankenkassen nutzbar zu machen. Aus der Sicht des Behandlungsprozesses ist das ein Traumzustand. Es gäbe weniger Doppeluntersuchungen, keine Zeitverzögerungen bei Notfällen, keine unnötigen Medikamentenverschreibungen etc. Genauso wichtig ist nach Datenschutz-Gesichtspunkten aber, dass nur diejenigen Personen Patientendaten in die Hand bekommen, die für sie gedacht sind. Deshalb muss ein System wie die Gesundheitskarte extrem hohen Sicherheitsanforderungen genügen. Das ist derzeit noch eine Baustelle. Weder steht die Technologie noch das Vertrauen in die Technologie.

 

Die digitale Medizin rückt immer mehr in den Fokus. Ist es vorstellbar, digital mit dem Arzt verbunden zu sein?

 

Prof. Dr. Volker Penter: Bereits heute gibt es viele gute Beispiele für die Anwendung der digitalen Medizin. Großflächige Länder wie Norwegen sind hier führend in Forschung und Anwendung. Sie sind aufgrund ihrer Infrastruktur und Geografie darauf angewiesen, Alternativen für den Arzt vor Ort zu finden. Andererseits ist es bekannt, dass das Arzt-Patienten-Gespräch wichtig ist, damit die Patienten zügig gesund werden. Es geht dabei nicht nur darum, eine Diagnose zu stellen und die Form der Behandlung festzulegen, sondern auch darum, Vertrauen zu schaffen. Das klappt nur, wenn man sich in die Augen schaut. Die Anforderungen der Patienten an die Kommunikation mit ihrem Arzt steigen gerade deutlich. Digitale Medizin ist dabei ein hilfreiches Instrument. Sie wird aber den direkten Kontakt zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen.

 

 

Das Interview führte Katharina Ashauer.

 

Vir Lakshman

Vir Lakshman

Partner, Head of Chemicals & Pharmaceuticals

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Prof. Dr. Volker Penter

Prof. Dr. Volker Penter

Partner, Head of Health Care

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