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  • Typ: Aktuelles
  • Datum: 12.08.2014

Vegane Lebensmittel erobern den konventionellen Handel 

Vegane Produkte werden immer beliebter und auch wirtschaftlich zu einer bedeutsamen Größe. Denn die vegane Bewegung ist mittlerweile nicht mehr nur ein kurzfristiger Trend, sondern vielmehr Ausdruck einer langfristigen gesellschaftlichen Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit.

Der Lebensmitteleinzelhandel hat dies bereits erkannt und peppt sein Sortiment mit rein pflanzlichen Produkten auf. Aldi-Süd beispielsweise kennzeichnet Produkte zukünftig mit dem V-Label des Vegetarierbundes. Auch vegane Produkte werden damit einfacher zu erkennen sein – zur Freude der rund 1,2 Millionen Veganer in Deutschland.

Jan Bredack, Gründer und Geschäftsführer der ersten rein veganen Supermarktkette Europas, begrüßt diese Entwicklungen, denn sie bestätigen seine Geschäftsvision. Früher war Bredack erfolgreicher Manager in der Autoindustrie, bis ein Burnout ihn umdenken ließ. Heute ist er Veganer und gerade dabei, seine neun bestehenden „Veganz“-Filialen um weitere zwölf in ganz Europa zu erweitern.


Mit Jan Bredack haben wir darüber gesprochen, wie der Veganismus die Mitte der Gesellschaft erreicht und was das für Auswirkungen auf die Lebensmittelwirtschaft hat.

 

 Jan Bredack

 

Herr Bredack, welches Geschäftskonzept steckt hinter Ihrer Supermarktkette Veganz?

 

Bredack: Im Kern sind wir Lebensmittelhändler und bieten rein pflanzliche Produkte an. Darüber hinaus sind wir aber auch Großhändler und beliefern andere Lebensmittelketten mit veganen Lebensmitteln. Bei uns gelistete Produkte haben so die Chance, europaweit auch in anderen Läden verkauft zu werden.

Zudem bauen wir um unsere Filialen herum immer ein sogenanntes „veganes Ökosystem“, um unseren Kunden ein veganes Einkaufserlebnis zu bieten. Dazu gehören ein Bistro und in der Regel auch ein Schuh- und Bekleidungsgeschäft. Inzwischen gibt es an zwei Standorten auch eine Kochschule.

   
Welche Leute kaufen bei Veganz ein?


Bredack: Ich werde oft gefragt, ob es denn so viele neue Veganer gäbe, dass wir es uns leisten können, so stark zu expandieren. Das ist natürlich nicht der Fall. Etwa 80 Prozent unserer Kunden leben weder vegan noch vegetarisch.

Unsere Kundschaft setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen. Ein großer Teil sind Allergiker oder Menschen mit einer Lebensmittelunverträglichkeit. Außerdem kommen viele ältere Menschen zu uns, die gesundheitliche Probleme haben, etwa auf Cholesterin oder Fett achten müssen. Unsere Kunden wollen sich bewusst ernähren und verzichten gern darauf, in Massen einzukaufen. 
 

Sie bieten rund 6.000 Produkte von 270 Lieferanten aus 30 Ländern an. Woher kommen die Produkte? Wie sieht Ihre Lieferantenstruktur aus?


Bredack: Der Großteil unserer Produkte stammt aus Deutschland, danach folgen die USA, Kanada, Italien, Griechenland und Großbritannien. Wir beziehen die Produkte direkt beim Erzeuger. Unsere Lieferanten sind kleine, innovative Firmen und Manufakturen mit Produkten, die meist noch unbekannt sind.

Am Anfang sind wir aktiv auf Lieferantensuche gegangen. In den USA haben wir beispielsweise zwei Mitarbeiter, die als Scouts gezielt Produkte suchen und mit Lieferanten verhandeln. Mittlerweile sprechen uns kleinere Unternehmen aber auch direkt an, weil sie die Chance sehen, über unsere Plattform in den Einzelhandel zu gelangen.

 
„Veganismus: Ernährungstrend wird Wirtschaftsfaktor“ oder „Das millionenschwere Geschäft mit veganem Essen“ titeln große deutsche Tageszeitungen. Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Bedeutung der veganen Lebensmittelindustrie ein?

 
Bredack: Ich würde zunächst gar nicht von einem Trend sprechen, der irgendwann vorüber geht. Ich sehe eher eine nachhaltige Entwicklung. Die vegane Ernährung ist häufig der Einstieg zur Veränderung ganzer Lebenseinstellungen. Nach und nach beschäftigen sich die Menschen dann auch mit Umwelteinflüssen, Tierrechten, Ethik usw.

Wirtschaftlich betrachtet befinden wir uns in Deutschland noch in einer Keimzelle. Der vegane Boom wird eher über die Medien gepusht, denn in den Lebensmittelgeschäften findet man bisher wenig vegane Produkte. Aber das ändert sich momentan gewaltig. Denn die großen konventionellen Lebensmittelketten haben das Thema strategisch auf der Agenda und sind dabei, ihre Sortimente mit Ersatzprodukten für Fleisch, Fisch und Käse aufzupeppen.

Sie können sicher davon ausgehen, dass im kommenden halben Jahr der komplette Lebensmitteleinzelhandel mehr vegane Produkte anbieten wird. Wir als Lieferant kriegen das genau mit. Das wird eine riesige Welle nach sich ziehen, denn mehr Menschen werden in der Masse mit veganen Lebensmitteln konfrontiert.

 

Das hört sich nach einer rosigen Zukunft an.


Bredack: Ich gehe davon aus, dass sich das Bewusstsein für Lebensmittel und deren Preise weiter schärfen wird. Die Produzenten sehen sich mehr und mehr mit kritischen Fragen nach der Herkunft ihrer Erzeugnisse konfrontiert. In Deutschland ist das ein evolutionärer Schritt.

Mit Veganz prägen wir diesen Prozess mit und unterstützen das. Aber auch wir unterliegen wirtschaftlichen Regularien. Denn es funktioniert nur, wenn eine bestimmte Anzahl an Kunden bereit ist, bei uns mehr zu zahlen. Dann können sie aber auch sicher sein, dass bestimmte Produktanforderungen eingehalten werden. Nur so können wir am Markt bestehen.
   

Machen Sie sich noch Sorgen um Ihre Work-Life-Balance? Sie arbeiten heute auch viel. Was ist anders als zu Ihrer Zeit als Automobil-Manager?


Bredack: Von der Intensität hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, ich würde fast sagen, dass ich heute sogar mehr arbeite als früher. Ich habe in der veganen Lebensweise meine Passion gefunden. Meine Arbeit ist heute von einer tiefen inneren Überzeugung getrieben, dass ich das Richtige tue.

Ich habe früher, und das unterstelle ich einfach mal vielen anderen in solchen „Konzernmühlen“, gearbeitet, um Macht und Geld zu bekommen. Aber diese Motivation ist schnell erschöpft. Im Grunde möchte ich die Menschen inspirieren und zum Nachdenken anregen. Viele unserer Stammkunden sagen mir immer wieder, wie toll sie finden, was wir machen. Und genau das ist heute meine Befriedigung.


Vielen Dank für das Gespräch.


 

Redaktion: Julia Willich 

 

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