Deutschland

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  • Branche: Gesundheitswirtschaft
  • Typ: Aktuelles
  • Datum: 28.07.2014

Tempo machen: Die mobile Arbeitswelt und ihre Folgen 

Berufspendler
Wer von Termin zu Termin hetzt, steht auch mal im Pendlerstau. Das Berufsleben wird zur Schnellstraße ohne Rastplatz – man kommt nie an: Geschäftsleute fliegen Tausende von Kilometern um die Welt. Das Hamsterrad ist global geworden. Die fluide Arbeitswelt stellt hohe Anforderungen, nicht ohne Folgen für unsere körperliche Gesundheit und Psyche.

Immer mehr Menschen sind gezwungen, ein mobiles (Arbeits-)Leben zu führen. Dazu gehört auch, zeitlich flexibel zu sein, ständig mit neuen Kollegen umzugehen und veränderte Technik im Griff zu haben. Längeres Pendeln von A nach B, das Arbeiten von unterwegs oder berufsbedingte Reisen und Umzüge sind für viele mittlerweile selbstverständlich. Zugleich sehnen wir uns nach einer Bremse für den Alltag, nach ‚Entschleunigung‘. 
 
Mit Prof. Dr. Volker Penter, Head of Health Care bei KPMG, haben wir uns zu den Auswirkungen des Pendelns unterhalten:
 

„Der Wahnsinn des Pendelns“ titelte eine große deutsche Tageszeitung Ende vergangenen Jahres. Wie viel Wahnsinn steckt wirklich darin und wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Probleme für Berufspendler?
 

Penter: Pendeln ist Wahnsinn, das unterschreibe ich sofort. Pendler absolvieren jeden Tag lange Strecken von A nach B und wieder zurück oder müssen auswärts übernachten. Dabei gibt es unglaublich viel zu organisieren – das ist zeitaufwändig. Private Aktivitäten oder sportliches Engagement im heimischen Fußballverein werden so teilweise unmöglich. Pendler haben Schwierigkeiten, sich zuverlässig kulturell zu engagieren. Auch die familiäre Belastung ist eine Herausforderung. Wer regelmäßig abends nicht zu Hause ist oder erst sehr spät heim kommt, muss Privates anders regeln. Alles in allem eine recht komplizierte Mischung.
Bereits vor zehn Jahren haben britische Stressforscher herausgefunden, dass Pendler, die ihren Zug verpasst haben, einen höheren Stresspegel erreichen können als Kampfpiloten im Einsatz. Diese Erkenntnis ist doch alarmierend.
 

Penter: Die Aussage kommt mir bekannt vor. Viele Berufspendler lernen aber über die Zeit mit Stress umzugehen. Ich selbst kenne auch Situationen dieser Art. Ich weiß zwar nicht, wie sich ein Kampfpilot fühlt, aber die sind im Umgang mit Extremsituationen geschult. Viele Menschen pendeln ihr ganzes Berufsleben lang – und nach gewisser Zeit weiß man natürlich auch, dass man nicht zu knapp planen sollte und kalkuliert Verspätungen ein.  
Ich glaube, Personen, die über längere Zeit pendeln, gewöhnen sich ein Stück weit an die äußeren Einflüsse. Es mag aber auch Menschen geben, die zum Pendeln gezwungen sind und mit dieser Situation nicht klarkommen – mit negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Als Pendler sollte man generell sehr gesund leben. Die psychische Stärke muss durch die physische unterstützt werden.
  

Der typische Pendler ist männlich, älter als 35 und hat Frau und Kinder – mit einem oft gut dotierten Job. Liegt das daran, dass noch zu wenige Frauen in Führungspositionen sind?  Wie erklären Sie sich das?
 

Penter: Das kann ich nicht genau beantworten. Ich tendiere auch eher zu der Meinung, dass Männer heute noch vordergründig in Führungspositionen sind. Ich glaube nicht, dass Männer und Frauen sich in der Frage unterscheiden, wie sie den Stress des Pendelns bewältigen. Ich denke, es hat tatsächlich eher mit der Geschlechterverteilung in Führungspositionen zu tun.

 

Pendler sagen, je länger sie pendeln und je höher sie in ihren Unternehmen positioniert sind, desto mehr haben sie das Gefühl fremdbestimmt zu sein. Gibt es Möglichkeiten dem zu entfliehen?
 

Penter: Ich könnte jetzt schlicht „Ja“ sagen, aber das ist mir zu passiv. Ich betrachte die Sachlage eher umgekehrt. Kennen Sie das Peter-Prinzip? Es besagt, dass Menschen so lange gefordert werden, bis sie überfordert sind. Wer sich als Pendler in einer hohen verantwortungsvollen Position fremdbestimmt fühlt, hat möglicherweise die Position nicht im Griff. Wird dies zum Dauerzustand, sollte man sich meines Erachtens eine andere Tätigkeit suchen. Denn das konterkariert die eigentliche Aufgabe von Führungskräften – sie sollen und müssen gestalten.

 

Haben Sie noch den ultimativen Tipp für alle Berufspendler da draußen?

 

Penter: Liebe Pendler, liebt das Pendeln! Schlussendlich ist es eine Frage der Einstellung. Kurzum: Ein Pendler sollte körperlich aktiv bleiben, Gelassenheit bewahren und sich nicht fremdbestimmen lassen, dann ist das alles halb so schlimm.

 

Vielen Dank, Prof. Penter, wenn das kein gutes Schlusswort ist.

 

 

 

Interview: Kerstin Heuer

 

 

Prof. Dr. Volker Penter

Prof. Dr. Volker Penter

Partner, Head of Health Care

+49 30 2068-4740

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