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  • Geschäftsbereich: Advisory, Transactions & Restructuring
  • Typ: Aktuelles
  • Datum: 05.11.2013

"Der Hunger der Investoren ist groß" 

Foto Wall Street

Facebook, Twitter und Co. - Börsengänge von Technologiekonzernen machen wieder Schlagzeilen. Doch welche Stellschrauben entscheiden am Ende über den Ausgabepreis einer Aktie? Wie bildet sich der Preis? Und was müssen Unternehmen beim IPO-Prozess im Zusammenspiel mit Banken und Investoren beachten. IPO-Experte Peter Kirkow, Director von KPMG-Makinson Cowell, Wien, gibt Antworten.

Twitter hat kurz vor dem Börsenstart noch einmal den Ausgabepreis seiner Aktien erhöht - wegen hoher Nachfrage. Wird es ein gutes Börsendebüt?

 

Ich erwarte ein gutes Placement. Die Nachfrage ist sehr groß. Zum einen haben zuletzt eine Reihe an geplanten IPOs aus der Technologiebranche nicht stattgefunden. Zudem sind derzeit vor allem etablierte Marken gefragte IPO-Kandidaten. Das hat den Hunger der Investoren gesteigert – und Twitter hat ihn bislang elegant bedient.

 

Zuletzt gab es noch Bedenken, dass der Zeitpunkt angesichts der US-Haushaltskrise den Börsengang beeinträchtigen könnte. Sind diese Sorgen ausgeräumt?

 

Selbst den zeitlichen Slot hat das Unternehmen jetzt hervorragend hinbekommen. Die Diskussionen um makroökonomische Risiken und den Haushalts-Shutdown in den USA sind für den Moment vorbeigezogen und belasten das Börsenklima zum IPO-Zeitpunkt nicht mehr. Der IPO hilft darüber hinaus dem ganzen Markt: Er wird eine Sogwirkung entfalten. Andere technische IPOs werden ermutigt sein und dem Beispiel zu folgen versuchen. Das wird die gesamte Marktlandschaft wieder beleben.

 

 

"Sogwirkung für den gesamten IPO-Markt"



Also auch keine Wiederholung der Probleme des Facebook-Börsengangs?

 

Die Parallele zu Facebook hinkt ein wenig. Dort hatte das Unternehmen eine andere Placement-Strategie gefahren, in dem es unter anderem seine Mitarbeiter stark mit Aktienpaketen involviert hat. Darüber hinaus gab es schon einen „grauen Privatmarkt“, da Facebook lange im Vorfeld Anteilspakete an private Investoren verkauft hat. Diese Situation stellt sich bei Twitter anders dar.“


Wie findet man den richtigen Preis für eine Aktie - und was müssen Unternehmen beachten?

 

Das System zur Preisbildung bei IPOs ist ambivalent. Es gibt schlicht keinen wissenschaftlichen Ansatz, den man anwenden könnte. Am Anfang halten die beteiligten Banken ihren Daumen buchstäblich in den Wind, wenn sie den Markt und das Kaufinteresses von Investoren sondieren.

 

Aber die Preise werden doch nicht aus der Luft gegriffen - was ist während des Sondierungsprozesses der Banken, dem sogenannten "book building", zu beachten? 

 

Die Reaktion potentieller Investoren ist die erste Orientierung, ob sich die internen Vorstellungen des Unternehmens zu seinem Wert und der Ausgabespanne der Aktie mit der Marktrealität decken. Dann schaut man auf die Peer Group, also anderen gelisteten Unternehmen der gleichen Branche.

Ein Indiz für einen offenen Preisbildungsprozess ist die Spreizung der Preisspanne am Beginn des Prozesses. War die Spanne groß und man hat sie dann mit zunehmenden Rückmeldungen aus dem Markt zugespitzt – oder war der Ausgabepreis schon von Beginn an faktisch in Stein gemeißelt? Meist – wie auch jetzt im Falle von Twitter – erfährt man das erst weit nach dem Börsengang in der Rückschau.
Eine weitere kritische Stellschraube ist, wie die jeweiligen Rückmeldungen der Investoren gewichtet werden. Gab es Unterschiede, wurden bestimmte Investoren stärker gewichtet? Hier sind oftmals sehr subjektive Entscheidungen der Konsortialbanken involviert.

 

IPO-Grafik

 

Abb: Beispiele vergangener IPOs mit einer Übersicht zur Entwicklung von Preisspanne, Ausgabepreis und Kursentwicklung - Quelle: KPMG.
 

 

Welche Rolle spielen kaufwillige Hedgefonds bei der Preisbildung und einem IPO:

 

Eine wichtige Rolle: Diese Gruppe ist mit einigen wenigen Ausnahmen nur an einem kurzfristigen Investment interessiert, verkauft also die Aktie oft sofort wieder nach der ersten Börsennotierung. Dies hilft Unternehmen nicht, die beim IPO an dem Aufbau einer langfristigen und stabilen Anlegerstruktur interessiert sind. Allerdings pushen die Hedgefonds mit ihren  hohen Kaufvolumina die Nachfrage und Überzeichnung der Aktie. Wenn die Banken also einen möglichst hohen Ausgabepreis erreichen wollen, können sie Hedgefonds quasi als Booster für den IPO instrumentalisieren – nicht immer zum langfristigen Vorteil für den Börsenneuling.“
 

 

"Druck der Banken ist groß, höhere Fees zu erreichen"


 

Wie einflussreich sind die Banken bei der Preisbildung und dem IPO-Prozess?

 

Was mir aufstößt ist die Rolle des Bankenkonsortiums, das Twitter beim Börsengang berät und begleitet. Die große Anzahl der involvierten Banken unter dem Lead von Goldman Sachs erhalten 3,6 Prozent an Honoraren für die IPO-Begleitung - das ist erheblich mehr als selbst zu Zeiten der Internetblase. Damals lagen die Honorare eher bei 2 bis 2,5 Prozent. Vor 10, 15 Jahren hätten solche Fees nicht erzielt werden können.


Kritisch sehe ich vor allem die wachsende Konsortialstruktur bei IPOs. Die Banken wollen durch eine große Gruppe an beteiligten Geldhäusern das Risiko des Börsengangs streuen. Als Konsequenz gibt es jedoch im Wettbewerb um die Fees nur noch wenig Konkurrenz. Darüber hinaus ist die Anzahl nicht beteiligter Banken, die eine wirklich unabhängige Analyse zur Equity Story des IPO-Kandidaten und des Aktienausgabepreises geben können, nur noch sehr klein. Das schwächt auch das Vertrauen in den Preisbildungsprozess. 

Ist das nur ein anglo-amerikanisches Phänomen?

 

Nein - eine ähnliche Entwicklung ist auch auf dem Börsenparkett in Europa,  einschließlich in Frankfurt zu beobachten. Unser Rat als unabhängige Berater an die Unternehmen in solch einem Prozess lautet daher immer: Knallhart verhandeln! Aber der Druck der Banken auf die Unternehmen ist inzwischen sehr groß, um höhere Fees zu erreichen. Angesichts eines ausgetrockneten M&A-Markts geht es darum, diese Gebühren hochzuschrauben – entsprechend stark streuen die Banken vor allem Argumente zu Risiken und Ängsten, die beim IPO-Kandidaten Wirkung zeigen könnten. Unabhängige Berater beim Börsengang können hier helfen.

 

 

Interview: Dirk Zander

 

Dienstleistungen

Zur Person

 

Peter Kirkow,

Fachmann für die Beratung bei Börsengängen, 
Director; 
KPMG-Makinson Cowell, Wien

 

T +43 (1) 31332-849

peterkirkow@kpmg.com