Deutschland

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  • Branche: High Growth Markets
  • Typ: Aktuelles
  • Datum: 14.10.2013

“Erschließung weiterer lokaler Vertriebswege ist die neue kommerzielle Herausforderung“ 

Interview mit Andreas Feege, Leiter China Practice in Deutschland, und Marc Starzmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung Mittelstandsbank Bayern-Süd, Commerzbank AG, zu den aktuellen Herausforderungen deutscher Unternehmen in China, die sie gemeinsam mit weiteren Experten auf der gemeinsamen Veranstaltung „Forum International 2013“ in München diskutierten.

Für KPMG referierten darüber hinaus die China-Spezialisten Tim Löbig zum Thema Markteinstieg in China, Holger Lampe zu steuerrechtlichen Fragestellungen bei Geschäften in der Volksrepublik und Thorsten Zwiener zum Thema "Von `Made in China` zu `Designed in China`.

Chinas Wirtschaftswachstum fiel zuletzt niedriger aus als erwartet und von der Regierung angepeilt. Ist das ein Zeichen für eine Abkühlung und zur Sorge für deutsche Firmen?

 

Marc Starzmann: Die Abschwächung der Wachstumsraten auf unter acht Prozent ist von der chinesischen Regierung durchaus beabsichtigt. Vor dem Hintergrund der angestrebten Ausrichtung des Wachstums an Qualität und Nachhaltigkeit bieten sich auch und gerade in dieser Situation für die deutsche Wirtschaft gute Geschäftsmöglichkeiten. Also kein Grund zur Sorge für unseren Mittelstand.

 

Europäische Unternehmen forderten jüngst in einem Positionspapier der EU-Handelskammer, dass die Balance zwischen Staatskontrolle und den Marktkräften in der Wirtschaftspolitik neu zu tarieren sei. Die Regierung müsse sich auf weniger Kontrollaufgaben konzentrieren. Wie realistisch und wie schnell sind solche weiteren Reformen in China möglich?

 

Andreas Feege: Die Europäische Kammer weist schon seit vielen Jahren auf eine dringend nötige Strukturreform hin. Der starke Eingriff des Staats und die Steuerung der Staatsbetriebe führen zu Fehlallokationen (Überkapazitäten), Ineffizienzen und Ungleichgewichten im Land. Damit China die Entwicklung von einem günstigen Lohnfertigungsstandard zu einem innovativen, umweltschonenden und High-Tech Standort, einem Standort mit höherem Dienstleistungsanteil und einer stärkeren Binnennachfrage schafft, sind der Marktzugang, eine verminderte Regulierung der Märkte und eine Erhöhung der Rechtssicherheit notwendig. Ein erster Schritt ist mit der neuen Freihandelszone für den Finanzbereich in Shanghai getan, viele anderen müssen noch folgen. Es wird noch ein langer Weg, die notwendigen Strukturänderungen umzusetzen, die den Staatseinflusses reduzieren würden.

 

Wegen steigender Lohnkosten verliert China immer mehr seine Rolle als preisgünstige Produktions-Werkbank der Weltwirtschaft. Wie müssen ausländische, insbesondere mittelständische Firmen auf diese Entwicklung reagieren?

 

Starzmann: Das Modell in China wegen der Lohnkostenvorteile zu investieren, hat sich überlebt. Deutsche Firmen engagieren sich heutzutage in China vor allem deswegen, um den lokalen Markt oder auch Nachbarmärkte zu erschließen. Und hier bestehen weiterhin hervorragende Chancen für deutsche Unternehmen: der Lebensstandard in China ist gewachsen und mit ihm die Konsum- und Investitionsbedürfnisse. Das wird in absehbarer Zeit aufgrund des gewaltigen Nachholbedarfs noch so bleiben. So gesehen ein Glücksfall für unseren Mittelstand.

 

 
Bild von Panel-Disksussion des Forum International

 

Engagierte Podiumsdiskussion in München zu Chinas wirtschaftlichen Herausforderungen (v. l.): Andreas Feege, Leiter China Practice, KPMG AG; Dr. Michael Schäfer, ehemaliger deutscher Botschafter in China; Frank Behnke, LUMINIS GmbH (Moderation); Edith Weymayr, Regionalvorstand Asien, Commerzbank AG; Prof. Dr. Werner Fees, Technische Hochschule Nürnberg Gorg Simon Ohm.  Foto: KPMG

 
 

Statt „Made in China“ heißt es inzwischen verstärkt „Designed in China“. Was sind die Hürden für China auf diesem Entwicklungsschritt „up the value chain“?

 

Feege: Um Innovationen zu fördern muss zunächst einmal ein entsprechendes Umfeld geschaffen werden. Neben den bestehenden verbesserten Gesetzen zum Schutz des geistigen Eigentums ist auch eine entsprechende Nachverfolgung der Gesetze notwendig. Kein Unternehmen, auch kein chinesisches Unternehmen wird in Forschung und Entwicklung investieren, wenn der Nachbar die Entwicklung einfach kopieren kann. Ein weiterer Faktor für die Weiterentwicklung der Produkte Chinas ist die Qualifikation der Mitarbeiter. Das oft sture Auswendiglernen in den Schulen und Universitäten wird keine Mitarbeiter hervorbringen, die kreativ in einem Team arbeitet und sich mit Problemen und Kritik auseinandersetzen können. Daneben sind allerdings auch die bereits zuvor angesprochenen Reformen notwendig, um ein entsprechendes Wirtschaftsumfeld zu schaffen, welches den Rahmen für weitere Entwicklungen der Wirtschaft ebnet.

 

Welche Herausforderungen ergeben sich daraus?

 

Feege: Aus unserer Erfahrung sehen wir für westliche Unternehmen im Wesentlichen zwei Fragestellungen:  die Entwicklung von Produkten, die den Erwartungen der sich entwickelnden breiten mittelständischen Kundenschicht jenseits der Küstenprovinzen entsprechen, und der Zugang zu den lokalen Vertriebsstrukturen.  Die Entwicklung von Produkten für die verschiedenen regionalen Märkte in China bedarf der Verlagerung hin zu und der Stärkung von Forschung und Entwicklung in China.  Hier liegen deutsche Unternehmen wohl noch hinter ihren chinesischen und internationalen Wettbewerbern. Erfolgreiche Unternehmen treiben ihre Produktentwicklung in China für China, aber auch für den Weltmarkt voran. Die Erschließung weiterer lokaler Vertriebswege ist eine kommerzielle Herausforderung und wird der weiteren Investition und Lokalisierung deutscher Unternehmen in China bedürfen.

 

Ist der Gang in Chinas Westen, das sogenannte „China Go West“ für ausländische Unternehmen  ein probates Instrument, um den Kostensteigerungen in China entgegenzuwirken?

 

Feege: Wie vorteilhaft die Verlagerung der Aktivitäten eines Unternehmens ist, hängt vom Einzelfall ab. Die geringeren Lohnkosten von Arbeitnehmern im Westen können schnell durch die höheren Logistikkosten aufgezehrt werden, wenn die Produkte zu den Kunden in den Osten wieder transportiert werden müssen. Oft ist die Infrastruktur in vielen Teilen in der Mitte und Westen des Landes noch ungenügend, es fehlen qualifizierte Mitarbeiter und Lieferanten, die Verwaltung ist oft auf keine westlichen Investoren eingestellt und es bestehen Versorgungsengpässe wie zum Beispiel mit Energie. Einige der Verlagerungen in den Westen, wie zum Beispiel der Bau der Fabrik von VW in Urumqi ist politisch veranlasst und die Märkte würden das geplante Investment an sich in der Zukunft kaum rechtfertigen. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist allerdings eine stärkere Ansiedlung der Industrie in den strukturschwachen Gebieten unbedingt notwendig. Dadurch wird nicht nur der Arbeits- und Wohnungsmarkt in den ohnehin schon teurem Ostgürtel des Landes entlastet, es führt auch zu einer politisch dringenden Verringerung des Wohlstandsgefälles zwischen den Provinzen im Osten und den restlichen Gebieten Chinas.
Die chinesische Zentralregierung und die jeweiligen Provinzregierungen unternehmen große Anstrengungen, die im Inland gelegenen Standorte für ausländische Investoren attraktiv zu gestalten. Diese Maßnahmen beinhalten den gezielte Ausbau der Infrastruktur und Verkehrswege, die Ausbildung von Nachwuchskräften an den lokalen Universitäten und Investitionsanreize für ausländische Investitionen.  
In der Vergangenheit wurden deutsche Investitionen in China vornehmlich in den Großregionen Shanghai, Guangzhou / Shenzhen und Beijing getätigt, da in diesen Regionen eine breite Erfahrungsbasis in der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit und verlässliche Lieferantenstrukturen bestehen. Diese positiven Strukturen werden in der Zukunft auch in Zentral- und Westchina multipliziert werden.  Die deutsche Handelskammer in China leistet hierbei eine hervorragende Arbeit bei der Begleitung deutscher Unternehmen in den einzelnen Regionen.

 

Welche Industrien können dank einer gezielten Förderpolitik der chinesischen Regierung momentan besonders attraktive Investitionsbedingungen in China erwarten?

 

Starzmann: Grüne Technologie steht ganz oben auf der Bedürfnisliste. Das berücksichtigt auch der aktuelle 12. Fünfjahresplan der chinesischen Regierung.  Die fünf besonders förderungswürdigen Industrien sind: Erstens Erneubare Energien wie Solar, Wind und Biomasse. Zweitens Maschinen- und Anlagenbau. Drittens IT-Technik. Viertens Umwelttechnik. Und fünftens der Automobilbereich mit besonderem Augenmerk auf den Bau von Elektroautos. Damit öffnen sich Chancen für Anbieter aus Deutschland, die sich auf diese Bereiche spezialisiert haben. 
 

China hat aktuell mit der Eröffnung der Shanghai Pilot Free Trade Zone – erstmals für den Finanzsektor – einen weiteren Schritt zur Wirtschaftsliberalisierung getan: Wird das Pilotprojekt bald Standard für Gesamt-China?


Feege: Mit der offiziellen Eröffnung der Shanghai Pilot Free Trade Zone hat die neu gewählte Staatsführung unter Li Keqiang ein Zeichen ihres Reformwillens gesetzt. Es ist die erste Freihandelszone für den Finanzsektor – und auch die Landeswährung soll voraussichtlich innerhalb dieser 29 Quadratkilometer-Zone frei handelbar sein. Daneben zeichnet sich die Sonderwirtschaftszone durch vereinfachte Verfahren zur Unternehmensgründung und zur Zollabfertigung aus. Steuerliche Anreize stehen dagegen nicht im Vordergrund. Ich gehe davon aus, dass dieser Pilotversuch ein Testlauf sein wird für eine spätere Ausweitung auf das gesamte Land. Dann besteht die Aussicht, dass die chinesische Führung die Wirtschaft weiterhin klar auf Reformkurs und internationale Wettbewerbsfähigkeit ausrichten wird. Dies wäre ein gutes Zeichen. Doch noch ist dieser Reformschritt begrenzt und zugleich innerhalb Chinas politisch umstritten. Deshalb bleibt abzuwarten, wie genau die Vorschriften und Erleichterungen für die neue Freihandelszone vor den Toren Schanghais definiert werden und wie viel Öffnung dort gewagt wird.  Alle in China aktiven Unternehmen sollten daher den weiteren Prozess genau beobachten.

 

Interview: Dirk Zander
 

Andreas Feege

Andreas Feege

Partner, Leitung China Practice Deutschland

+49 89 9282-1152

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