Schweiz

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  • Datum: 11.04.2012

Risiken sind Gefahren und Chancen 

Interviewpartner:
  • Prof. Wolfgang Kröger, Geschäftsführer ETH Risk Center
  • Dr. Lukas Gubler, Chief Risk Officer bei der EGL

Mit welchen systemischen Risiken sollte sich die Schweizer Wirtschaft Ihrer Meinung nach im heutigen Umfeld prioritär auseinandersetzen?

Prof. Kröger: An erster Stelle steht klar die Staatsschuldenkrise und die damit einhergehende Wirtschaftskrise. Weiter beunruhigt mich die Destabilisierung des soziopolitischen Gefüges, wie wir es in Griechenland bereits beobachten können. Auf der politischen Ebene sehe ich einen Problemkern im Nahen Osten, der weiterhin keine stabilisierende Wirkung ausstrahlt und die Weltwirtschaft negativ beeinflusst. Im Bereich der technischen Risiken sehe ich einen drohenden Zusammenbruch der Strominfrastruktur als grösste Bedrohung. In Europa kämpfen Länder wie Deutschland und auch die Schweiz mit Kapazitätsengpässen in ihren Stromnetzen, was alarmierend ist und grossflächige Auswirkungen auf ganz Europa haben kann. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die politische Diskussion um die Energiegewinnung, das heisst die unterschiedlichen Strategien in den einzelnen Ländern, was die Produktion von Atomstrom in Zukunft betrifft.

 

Lukas Gubler: Die Transportkapazitäten und die Auslastung der Stromnetze sind natürlich ernst zu nehmende Themen, die ich aber nicht auf der Ebene der systemischen Risiken anordnen möchte. Für mich sind ebenfalls die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Staatsschuldenkrise und deren Einfluss auf die politische Stabilität Gefahr Nummer eins. Der Staat und somit auch die staatliche Infrastruktur werden durch die Verpflichtungen der Staaten aus der Wirtschaftskrise geschwächt. Somit spannt sich der Bogen auch wieder zur Frage der stabilen Stromversorgung und den Ausbau der Netzinfrastruktur.

Kann man sich gegen systemische Risiken überhaupt mit vernünftigem Aufwand wirksam schützen?

Lukas Gubler: Systemische Risiken zeichnen sich unter anderem durch ihre komplexen Zusammenhänge verschiedener Faktoren aus. Das Risikomanagement auf Unternehmensseite muss dieses Zusammenspiel verschiedener Risikokategorien abbilden können. Das sogenannte Silo-Denken in einzelnen abgegrenzten Risikogruppen ist nicht mehr zeitgemäss und wird der Komplexität und Unvorhersehbarkeit grosser systemischer Risiken nicht mehr gerecht.

 

Prof. Kröger: Das ist richtig. Bevor wir über einzelne Massnahmen nachdenken, müssen wir die Charakteristiken der systemischen Risiken begreifen. Wir sind heute mit unseren Modellansätzen dazu noch nicht zufriedenstellend in der Lage. Die Forschung muss dahingehend in den kommenden Jahren noch Fortschritte machen. In der konkreten Umsetzung von Risikomanagement-Strategien auf Unternehmensseite müssen die Ansätze im Sinne der Resilienz flexibler, adaptiver und somit robuster werden. Das ETH Risk Center versteht seine Aufgabe genau darin, solche neuen Ansätze für die Privatwirtschaft zu entwickeln.    

Hat sich der Umgang mit Risiken in den Führungsetagen unserer Konzerne seit der Finanzkrise verändert?

Lukas Gubler: Ja, absolut. Ich stelle ein deutlich grösseres Informationsbedürfnis auf Seiten des Verwaltungsrats fest. Risikomanagement-Themen werden an den Sitzungen häufiger traktandiert. Das Zusammenspiel zwischen Strategiefindung und Risikomanagement muss aber noch stärker verlinkt werden. Bislang werden diese beiden Disziplinen noch weitgehend separat geführt und wechselseitig beeinflusst. In Zukunft müssen Strategieentwicklung und Risikosteuerung nahtlos zusammenarbeiten.

 

Prof. Kröger: Meine Erfahrung im Austausch mit Unternehmensführern ist, dass man früher eher versuchte, Themen und Fragestellungen zu vereinfachen, während sich heute alle einig sind, dass man die enorme Komplexität der Materie als Ganzes zu analysieren und zu verstehen versucht. Das ist für mich eine der Erkenntnisse aus der Finanz- und Wirtschaftskrise, die in der Praxis gereift ist.

Führt das dazu, dass ein strikteres Risikomanagement die Geschäftstätigkeit hemmt, sprich dass die Unternehmen in ihrer Kerntätigkeit zu vorsichtig werden?

Lukas Gubler: Das Risikomanagement muss die unternehmerische Tätigkeit unterstützen. Wenn das Risikomanagement dazu führt, dass strategische und operative Entscheide von verschiedenen Perspektiven angeschaut, und nicht nur blind aufgrund von Umsatz- und Gewinnmaximierung evaluiert werden, so profitiert das Unternehmen auch wirtschaftlich. Das Risikomanagement soll das Geschäft langfristig beflügeln und nicht blockieren.

Wie stellt man sicher, dass die Risikobeurteilung nicht nur eine «Übung» des Verwaltungsrats bleibt, sondern in ein operatives Risikomanagement umgesetzt wird?

Lukas Gubler: Wir stellen für jedes Risiko, das wir thematisieren, einen Massnahmenkatalog auf, der klare Verantwortlichkeiten und einen zeitlichen Rahmen vorgibt. Dazu kommt eine Risikomanagement-Organisation, die einen bedeutenden Stellenwert innerhalb der Unternehmung hat. Wenn das Thema Risikomanagement auf oberster Ebene gelebt wird, so strahlt dies auch auf die Gesamtorganisation aus. Das heisst, die Meinung und das Commitment des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung sind entscheidende Faktoren in der Glaubwürdigkeit des Risikomanagements.

Gewinnt das Denken in Krisenszenarien, das kurzfristige Risikomanagement an Bedeutung?

Prof. Kröger: Das Denken in Szenarien ist auf jeden Fall besser als das Beiziehen der berühmten «Worst Cases». Denn oft ist es gar nicht möglich, den «Schlimmsten Fall» zu identifizieren. Zudem vermitteln solche Fallstudien den Eindruck, dass ein Ereignis beim Eintreten genau so ablaufen wird, wie man sich das ausdenkt. Doch die Erfahrung zeigt, dass der Worst Case eben genau nicht voraussehbar ist. Szenarien stellen jedoch keinen Blick in die Zukunft dar, sondern zeigen einen möglichen Weg auf, basierend auf plausiblen Erfahrungswerten.

 

Lukas Gubler: In der Entwicklung von möglichen Szenarien kommt es sehr stark auf das Sensorium der Organisation an, relevante Veränderungen im Umfeld der Organisation zu erkennen. Hier liegt der Schlüssel im Kollektiv. Das heisst, die Informationsflüsse im Unternehmen wie auch die Transparenz der zur Verfügung stehenden Daten und Fakten müssen offen sein. Die Firma soll vom Sensorium jedes einzelnen Mitarbeitenden profitieren können.

Wie können wir das Dreieck Politik-Wirtschaft-Wissenschaft zur Bewältigung systemischer Risiken besser miteinander verzahnen?

Prof. Kröger: Diese Verbindungen sind tatsächlich verbesserungswürdig, auch wenn es natürlich bereits verschiedene Schnittstellen gibt. Zwischen Wissenschaft und Industrie existieren schon verbreitet Ansätze zur gegenseitigen Befruchtung. Zur Politik suchen wir noch nach besseren Anbindungspunkten. Alle drei Disziplinen an einem Tisch zu haben, ist natürlich das höchste und wichtigste Ziel, um der zunehmenden Komplexität und Vernetzung der Thematik gerecht zu werden.

Braucht es eine transparentere Risikoberichterstattung in den Jahresabschlüssen der Unternehmen?

Lukas Gubler: Im Bereich der finanziellen Risiken wurde hier viel gemacht. Da liegt uns ein breites Instrumentarium zur Darstellung und Interpretation von Risiken vor. Was die weitergehenden Risiken einer Unternehmung betrifft, so möchte ich mir als Leser einer Unternehmensbilanz anhand der vorgelegten Fakten selbst ein Bild der Risikosituation machen können. Das heisst, die Risikoberichterstattung soll aus meiner Sicht nicht schon zu viel an Interpretation vorwegnehmen.  

 

Prof. Kröger: Ich möchte den Blick noch von der rein unternehmerischen Sicht auf die allgemeinere, gesellschaftlichere Perzeption von Risiken lenken. Wie geht die Öffentlichkeit mit dem Risikobegriff um? Einerseits möchten sich die Menschen nicht täglich mit Risiken auseinandersetzen, andererseits besteht eine verzerrte Wahrnehmung, was zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit im Vergleich zum Ausmass eines möglichen Ereignisses betrifft. Wir sehen es unter anderem auch als unsere Aufgabe, den Risikobegriff nicht nur negativ besetzt zu lassen, sondern auch die Chancen und Gelegenheiten hinter jedem Risiko sichtbar zu machen. Zudem werden wir das Bedürfnis der Gesellschaft nach einer scharfen und exakten Risikoeinschätzung in allen Lebenslagen nie erfüllen können, und das müssen wir auch immer wieder so vermitteln. Der Umgang mit Risiken, Konsequenzen und Eintretenswahrscheinlichkeiten bleibt auch mit den besten Rechenmodellen immer unscharf.

 

Interview: Philipp Hallauer, Leiter KPMG Audit Comittee Institute
 

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