Schweiz

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  • Datum: 27.07.2011

Die Zukunft der Schweiz 

Als «Willensnation» baut die Schweiz stark auf Werte. Mit Blick auf die Zukunft stellen sich aber wichtige Fragen der Entwicklung dieser Werte. Denn der Erfolg des Schweizer Modells konnte über all die Jahre nur durch stete Veränderung hoch gehalten werden. Wir sprechen mit drei Menschen aus drei Generationen und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund über ihre Vorstellungen zur Zukunft der Schweiz.

Zu den Personen:

Kathrin Martelli (59), Alt-Stadträtin von Zürich

Kathrin Martelli war FDP-Stadträtin der Stadt Zürich von 1994 bis 2010. Heute ist sie Mitglied der Verwaltung der Migros Genossenschaft Zürich und des eidg. Rates für Raumordnung. Seit 2002 präsidiert sie die Regionalplanung Zürich und Umgebung (RZU) und seit Kurzem die Stiftung Zürcher Gemeinschaftszentren. Sie ist Vorstandsmitglied des TikK (Taskforce interkulturelle Konflikte) und des Zürcher Kammerorchesters. Kathrin Martelli ist verheiratet, Mutter zweier erwachsener Kinder und hat zwei Enkelkinder.

 

Christoph Stuehn (37), Geschäftsleitungsmitglied des Schweizerischen Nationalmuseums, deutsch-schweizerischer Doppelbürger

Christoph Stuehn ist Ökonom (Universität St. Gallen), hat in Deutschland eine Grundausbildung im Bankwesen absolviert und ist seit rund zehn Jahren in Schweizer Kulturbetrieben tätig. Vormals am Schauspielhaus Zürich und seit vier Jahren als Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Nationalmuseums. Christoph Stuehn spielt in der Freizeit Geige, treibt Sport und reist gerne.

 

Laurenz Matter (17), KV-Lernender, schweizerisch-deutscher Doppelbürger Laurenz Matter absolviert eine kaufmännische Lehre bei Compresso AG & stewards.ch im Bereich Dienstleistung & Administration, spielt American Football bei den Zürich Renegades und liest leidenschaftlich gerne, zurzeit «Der Sterne Tennisbälle» von Stephen Fry.

KPMGnews: Ganz persönlich gefragt: Welches sind für Sie die grössten Herausforderungen für die Schweiz?

Laurenz Matter: Die Nicht-Mitgliedschaft der Schweiz in der EU wird eine der grossen Herausforderungen für die Schweiz darstellen. Wie positioniert sich die Schweiz inmitten der EU, ohne von ihr erdrückt zu werden, wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell? Dazu kommt der starke Franken, der der hiesigen Exportwirtschaft und dem Tourismus zu schaffen macht. Die Schweiz wurde stark nicht zuletzt durch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus anderen Ländern. Dies muss jedoch in einem geregelten Mass geschehen, so dass Gesellschaft und Infrastrukturen in der Schweiz nicht überlastet werden.

 

Christoph Stuehn: Der Schweiz muss es gelingen, die neuen Herausforderungen einer globalisierten und dynamisch sich verändernden Welt anzupacken, ohne die bewährten Erfolgsfaktoren ihrer Kultur zu verlieren. So muss die Schweiz ihr Verhältnis zum europäischen wie auch weltweiten Ausland neu definieren. Wo positioniert sich unser Land zwischen Abgrenzung und Offenheit? Was bedeutet heutzutage Neutralität? Welche Rolle wollen wir im internationalen Staatengefüge spielen? Wie können wir unsere Traditionen und Werte pflegen und trotzdem weltoffen und fortschrittlich sein? Wie erhalten wir den nationalen Wohlstand und Zusammenhalt und einen respektvollen Umgang der «vier plus x» Kulturen in unserem Land?

 

Kathrin Martelli: Ich kann mich meinen Vorrednern anschliessen, diese Themen betreffen offenbar alle Generationen. Zentral ist für mich ebenfalls der Platz der Schweiz im internationalen Kontext. Zudem darf die Schweiz mit ihrer starken Währung nicht nur Fluchtpunkt für ausländisches Kapital sein. Als dritter Punkt ist mir die gesellschaftliche Integration auch mit starker Zuwanderung wichtig. Stichwort ist hier «verdichtetes Bauen». Wie entwickeln wir unsere urbane Infrastruktur, ohne die erstklassige Qualität des Standortes Schweiz zu verlieren?

Wie reagieren Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf diese Herausforderungen?

Laurenz Matter: Den eingeschlagenen Weg der bilateralen Verträge und Verhandlungen erachte ich als sehr gut und ausgewogen. Auf der anderen Seite erstaunen mich politische Aktionen wie die Lancierung der Ausschaffungsinitiative von rechts-bürgerlicher Seite. Solche politischen Programme entbehren jeglicher politischer Vernunft und scheinen einzig dem Wahlkampf und Missführung des Stimmvolkes zu dienen. Durch solche Vorstösse ist die Schweiz nicht gross geworden.

 

Kathrin Martelli: Ich bedaure heute noch, dass die Schweiz 1992 nicht dem EWR beigetreten war. Somit wurden unsere Aussenbeziehungen enorm erschwert. Die Politik sucht heute im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen guten Weg, der aber immer wieder von populistischen und parteipolitischen Störmanövern unterlaufen wird. Das Schweizer Volk wird heute zu oft verführt statt geführt, das finde ich schade und auch gefährlich.

 

Christoph Stuehn: Wenn die politische Polarisierung in der Schweiz sich weiter verstärkt und dadurch die traditionelle Konsensfindung teilweise verunmöglicht, dann werden wir als Land an Stärke verlieren. Bei gewissen politischen Dossiers, wie zum Beispiel der Frage der Fluglärmbelastung zwischen der Schweiz und Deutschland, würde ich grössere Erfolgschancen für unsere Position sehen, wenn früher ein «lösungsorientierter typisch schweizerischer Kompromiss» angestrebt würde, anstatt eine sture Position auszusitzen, bis es zu spät ist. Aber dafür brauchen wir zuerst den innenpolitischen Konsens, und da hapert es meiner Meinung nach zurzeit.

Herr Matter, können Sie das, als Vertreter der jungen Generation, bestätigen?

Laurenz Matter: Das ist eine schwierige Frage. Meine Erfahrung zeigt, dass man zwischen verschiedenen Aspekten unterscheiden muss. Bei der Frage nach der eigenen Aus- und Weiterbildung, zum Beispiel bei der Suche nach einer Lehrstelle, versucht natürlich jeder, seinen eigenen Weg zu gehen und zu optimieren. Dieser zielstrebige Egoismus ist aus meiner Sicht aber auch gut und letztlich notwendig für den Wettbewerb und somit für die wirtschaftliche Prosperität des Landes. In Gemeinschaftsprojekten an der Schule oder beim Sport gilt jedoch Team-Geist als oberste Maxime, die von allen gelebt wird. Da erkennt man auch, dass der eigene Erfolg von der Teamleistung abhängt. Vielleicht sollte dieser Geist auch wieder vermehrt in der Politik und dem gesellschaftlichen Zusammenleben Einzug halten.

Welches sind die wichtigsten Werte, die es in der Schweizer Politik braucht, um genau da hin zu kommen?

Kathrin Martelli: Ein entscheidendes Attribut ist sicher der Fleiss beziehungsweise unsere Arbeitsstruktur, die ein effizientes Arbeiten auf allen Stufen erlaubt und auch fordert. Das ist eine urschweizerische Tugend, die wir weiterhin pflegen müssen. Zudem müssen wir – und vor allem auch die Politik – wieder vermehrt lösungsorientiert agieren und die reinen Parteiinteressen etwas zurückstecken. Als dritten Punkt möchte ich die Bescheidenheit nennen. Damit sind die Generationen vor uns gross geworden und haben die Basis dieses Landes mit aufgebaut. Und wenn wir auf die Geschichte der Schweiz zurückblicken, war es immer wieder die Toleranz und die Integration fremder Kulturen und Sprachen, die uns wirtschaftlich und gesellschaftlich vorwärts gebracht haben. Unter diesem Blickwinkel stehen gewisse Debatten um Zuwanderung und Integration heute ziemlich quer in der Landschaft.

 

Christoph Stuehn: Als Mitarbeiter eines historischen Museums habe ich zurückgeschaut, was denn die Schweiz über die Jahrhunderte so erfolgreich gemacht hat. Die Schweiz war die längste Zeit ihrer Geschichte ein armes Land ohne Bodenschätze, mit schwierigen klimatischen Verhältnissen und einer unwegsamen Topographie. Daraus ist ein Wille entstanden, Besonderes leisten zu können beziehungsweise zu müssen. In der kleinräumigen Schweiz musste man sich zudem immer mit anderen Menschen und benachbarten Kulturen arrangieren und Lösungen finden. Diese Grundlagen sind heute immer noch vorhanden, sie müssen jedoch adaptiert werden, da sich die Welt in den letzten Jahren wahrscheinlich rascher verändert hat als in anderen Epochen unserer Geschichte.

Welche Werte müssen Sie als junger Bürger in dieses Landes mit einbringen, um der Schweiz eine erfolgreiche Zukunft zu ermöglichen?

Laurenz Matter: Meinen persönlichen Beitrag sehe ich derzeit in der Absolvierung einer guten Ausbildung. Nur gut ausgebildete Arbeitnehmer bringen dem Land und der Wirtschaft Wissen, Innovation und Fortschritt.

Frau Martelli, Sie haben vorhin das Thema Wachstum, bauliche Verdichtung und Integration angesprochen. Ist die Schweiz hier auf dem richtigen Weg?

Kathrin Martelli: Wie so oft in der Schweiz sind unsere Ideen, Gesetze, Raumplanung und dergleichen perfekt ausgearbeitet und weisen in die richtige Richtung. In der Umsetzung der ausgearbeiteten Ideen sind wir jedoch keine Weltmeister. Da braucht es oft andere Leute, andere Charaktere als nur reine Kopfmenschen, die alles bis ins letzte Detail planen und vorrechnen. Es braucht auch Mut und Weitsicht, Herz und Verstand, um Probleme pragmatisch und lösungsorientiert anzupacken. Die Demokratie lebt nicht nur von der formellen Mitsprache, neuen Gesetzen und Initiativen, sondern auch von der Einsicht der grossen Zusammenhänge, in denen auch mal Einzelinteressen zu Gunsten der übergeordneten Ziele zurückstehen müssen.

 

Christoph Stuehn: Sind denn die Menschen verantwortungsloser oder die Fragestellungen komplexer geworden?

 

Kathrin Martelli: Die Komplexität hat überproportional zugenommen, trotz – oder vielleicht gerade wegen – der viel grösseren Transparenz, die unser tägliches Leben bestimmt. Die Informationsgesellschaft hat die Debatten nicht per se einfacher gemacht, die Probleme werden vielschichtiger diskutiert, und jeder Bürger hat Zugang zu mehr Informationen und kann daraus mehr Aktivitäten wie Rekurse, Einsprachen und so weiter ableiten.

Ist Transparenz der Internet- und Informationsgesellschaft nun Fluch oder Segen?

Christoph Stuehn: Als Vertreter einer Kulturinstitution begrüsse ich den grösstmöglichen Zugang zu Informationen für die Menschen dieser Welt. Wenn ich jedoch mit meinem Hausarzt spreche, klagt dieser, dass seine Patienten heutzutage bereits durch die Eigenrecherche im Internet krank werden und sich die Symptome geradezu aus dem Netz ziehen. Wir müssen lernen, die vielen Informationen zu filtern und zu priorisieren und vielleicht manchmal auch etwas Distanz zur neu gewonnen Transparenz finden.

 

Laurenz Matter: Klar, ich bin mit dem Internet aufgewachsen und ich finde da auch mühelos alles, wonach ich suche. Das Problem ist jedoch, dass viele Leute diese Möglichkeiten zuwenig nutzen. Sie lassen sich sehr schnell von gezielten Kampagnen von politischen Parteien oder anderen Meinungsführern einwickeln, ohne die Botschaften und die Informationen kritisch zu hinterfragen. Sich eine eigene Meinung zu bilden, ist aufwendig und verlangt Einsatz und Disziplin. Die Trägheit vieler junger wie auch älterer Menschen wird von verschiedenen Interessengruppen eiskalt ausgenutzt.

 

Sind Sie zuversichtlich, was die Entwicklung der Schweiz betrifft?

 

Christoph Stuehn: Ich hatte schon in meiner Kindheit, die ich in Deutschland verbracht habe, begeistert von aussen auf die Schweiz geschaut. Wenn wir es schaffen, die traditionellen Werte der Schweiz auf die Zukunft zu adaptieren, dann bin ich extrem zuversichtlich.

 

Laurenz Matter: Persönlich bin ich sehr zuversichtlich, auf dem richtigen Weg zu sein. Was die Zukunft der Schweiz als Land betrifft, so ist dies für mich schwierig zu beurteilen. Kathrin Martelli: Ja, ich glaube an unser Land, an unsere Werte und unser Potenzial. Wenn ich mich – auch im benachbarten – Ausland umsehe und sehe, was tatsächliche Existenzangst bedeutet, dann spüre ich wieder die Kraft und die Stärke, die wir hier in der Schweiz haben, auch wenn die Zukunft nicht einfach werden wird.

 

Kathrin Martelli: Ja, ich glaube an unser Land, an unsere Werte und unser Potenzial. Wenn ich mich – auch im benachbarten – Ausland umsehe und sehe, was tatsächliche Existenzangst bedeutet, dann spüre ich wieder die Kraft und die Stärke, die wir hier in der Schweiz haben, auch wenn die Zukunft nicht einfach werden wird.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre es?

Kathrin Martelli: Eine mutige, konsens- und lösungsorientierte Regierung.

 

Christoph Stuehn: Ich wünsche mir, dass die Schweiz auch in Zukunft ein Ort der politischen und sozialen Stabilität und Solidarität bleibt, und sich weiterhin auf dem Weltmarkt durch Verlässlichkeit, Innovation und Qualität behaupten kann.

 

Laurenz Matter: Mein Wunsch für die Schweiz ist, dass jeder Mensch in unserem Land die gleichen Möglichkeiten auf Bildung und persönliche Entwicklung hat. Damit erhalten wir uns die Wettbewerbskraft in der Schweiz der Zukunft.

 

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