Schweiz

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  • Datum: 19.02.2014

«Traditionen wahren, Evolutionen zulassen» 

Interviewpartnerin: Tanja Frieden, Olympiasiegerin Snowboardcross

Die olympischen Winterspiele in Sochi sind in vollem Gange. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie diese?

Tanja Frieden: In jedem olympischen Jahr steigt mein Puls ein paar Schläge höher, je näher die Spiele rücken. Ich fiebere mit den Athleten mit, vor allem mit jenen, mit denen ich arbeite. Die lange Vorbereitung im Hinblick auf das «grosse Jahr», der Druck im Vorfeld während der Qualifikationsphase, die Vorfreude auf die Spiele gepaart mit dem absoluten Fokus ist ein einmaliger Gefühlscocktail, welcher in mir in gewisser Weise auch immer wieder hochkommt. Die politischen und sozialen Missstände stimmen mich allerdings nachdenklich, da muss nach den Spielen das IOC (hoffentlich) über die Bücher. Doch jetzt gehört die Bühne zuerst dem Sport und den Athleten, welche jahrelang auf dieses Ziel hingearbeitet haben.

Wie muss man sich den «olympischen Geist» als Nicht-Sportler vorstellen?

Tanja Frieden: Sicher ist der Grundgedanke von Pierre de Coubertin nicht mehr ganz der alte, jedoch ist der Geist von Olympia, zusammen etwas zu leisten und alle Nationen unter einem friedlichen, fairen Gedanken zusammenkommen zu lassen, klar spürbar. Olympischer Geist bedeutet auch, sich für ein Ziel voll und ganz einzusetzen und dabei in eine farbige Welt von tausenden verschiedenen Menschen und «Spirits» mit all ihren Einmaligkeiten einzutauchen und daraus viel für das eigene Leben mitzunehmen.

Viele Athleten halten vor einem Rennen akribisch bestimmte Rituale ein. Wie sahen Ihre letzten Minuten vor dem Start jeweils aus?

Tanja Frieden: Rituale geben Halt und Sicherheit. Auch ich hatte meinen fixen Ablauf, welcher schon am Vortag eines Rennens anfing. Am Renntag begann ich den Tag mit der «Begrüssung» meiner Snowboards im Serviceraum, um danach bei einem leichten Jogging den Tag mental durchzugehen. Vor dem Start machte ich zusammen mit meinem Coach mithilfe einer Schnur Reaktionsübungen, ging geistig noch einmal den Kurs durch und brachte mich mit Musik in den für mich optimalen Zustand. Je nachdem ob ich zu nervös war oder mich «schlapp» fühlte, war der Ablauf aber anders.

In diesem Jahr sind diverse Sportarten zum ersten Mal olympisch. Braucht es diese neuen Sportarten wirklich, um die Spiele attraktiv zu halten?

Tanja Frieden: Auch Olympia muss sich weiterentwickeln. Wie wohl alles im Leben im Fluss bleiben sollte. Wo wären wir denn, wenn wir Neuem keine Plattform geben würden? Das gilt auch im Sport. Im Wort attraktiv steckt doch «aktiv»? Ganz nach einem meiner Lieblingsmottos: Traditionen wahren, Evolution zulassen!

Worauf haben Sie sich am meisten gefreut nach Ihrer aktiven Sportlerkarriere?

Tanja Frieden: Mir zu erlauben, einmal längere Zeit einfach faul zu sein. Das brauchte jedoch seine Zeit, und wirklich zufrieden machte es mich nicht. Aber einen Versuch war es wert!

Wie war es für Sie, sich in den Arbeitsalltag zu integrieren?

Tanja Frieden: Was ist ein Arbeitsalltag? Da ich schon als Sportlerin neben dem Training auch mein Management und die Sponsorenzusammenarbeiten über «TanjaFrieden GmbH» selber geführt hatte, ist nun meine Arbeit nicht 100% anders. Ich hatte schon immer verschiedene «Hüte» zu jonglieren. Jetzt hat sich einfach der Fokus auf andere Ziele verschoben:

Im Zentrum steht im Moment klar meine Arbeit als Coach für Sport und Wirtschaft, für die ich in den letzten Jahren verschiedene Aus- und Weiterbildungen gemacht habe. Projekte mit meinen Sponsoren, welche zu Partnern geworden sind, laufen weiter oder entwickeln sich. Neu dazu kommt meine Beteiligung an der Bike- und Outdoormarke «Qloom», bei welcher ich meine Erfahrungen als Multisportlerin und Querdenkerin einbringe.

Welche Momente in Ihrer Karriere haben Sie rückblickend am meisten geprägt?

Tanja Frieden: Kein einzelner Punkt, jedoch die Zeit im «alten» Verband der International Snowboard Federation. Damals trainierte ich in einem internationalen Team, und wir mussten uns selber organisieren. Das half mir, mir bewusst zu werden, was mir wirklich gut tut. Das Zusammenleben mit den unterschiedlichen Kulturen lehrte mich unglaubliche Vielseitigkeit, Flexibilität und Toleranz. Prägend war auch mein Vize-Europameistertitel 1999. Da begann ich mir erstmals so etwas wie eine «Corporate Identity» zurechtzulegen und wurde mir meiner Werte bewusst. Mein Olympiatitel 2006 bestätigte mir, dass es sich lohnt, nicht locker zu lassen und trotzdem Geduld aufzubringen. Und meine zwei Achillessehnen-Risse zeigten mir einmal mehr auf, wie wichtig die eigene Intuition ist und die Fähigkeit, loslassen zu können.
 

Tanja Frieden

 

Olympiasiegerin Snowboardcross

 

(Foto ©Säny Blaser)