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  • Datum: 08.05.2013

«Es gibt keinen linearen Weg in die Zukunft.» 

Interviewparnter: Stephan Sigrist, Leiter des Think-Tanks W.I.R.E.

Warum erforscht man die Zukunft überhaupt?

Stephan Sigrist: Jeder Mensch betreibt Zukunftsforschung, ich würde sogar behaupten täglich. Sei es, indem man sich überlegt, welche berufliche Laufbahn man einschlagen möchte, oder einfach nur, was man heute anzieht. Ohne die Auseinandersetzung mit der Zukunft würden wir wesentlich schlechtere Entscheidungen fällen. Sie bringt uns damit Sicherheit, eine Grundlage für Planung und zwingt uns letztlich auch dazu, über Entwicklungen nachzudenken, die heute noch nicht relevant sind, aber wichtig werden könnten.

Ihre Auseinandersetzung mit der Zukunft unterscheidet sich von jener des Laien durch einen wissenschaftlichen Zugang. Was sind dabei die Herausforderungen?

Stephan Sigrist: Bekannterweise lässt sich die Zukunft nicht oder nur bedingt vorhersehen. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen. Der erste Schritt einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Zukunft ist deshalb, zu differenzieren, wo man vernünftige Prognosen machen kann und wo nicht. In der newtonschen Physik oder in der Astronomie sind solche klar möglich, schwieriger wird es bei gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen. Hier spielen zahlreiche Einflussfaktoren eine Rolle, die oftmals keinen klaren Beschreibungsmodellen folgen. Diesen Umstand müssen wir transparent machen. Es ist allerdings auch nicht das Ziel unseres Think-Tanks, präzise Prognosen zu machen, die beschreiben, wie die Welt in einem bestimmten Bereich in 10 oder 20 Jahren aussehen wird. Unsere Analysen sollen dazu anregen, möglichst breit zu denken. Unternehmen oder politische Institutionen sollen sich mit verschiedenen Entwicklungen auseinandersetzen und Lösungsansätze entwickeln. Mit einer Vielfalt an unterschiedlichen Antworten können wir als Gesellschaft und Volkswirtschaft am Ende auch am besten auf Herausforderungen reagieren.

Und wie evaluieren Sie Ihre Forschung? Auch hier wird es ja keine eindeutigen wissenschaftlichen Kriterien geben, an denen man die Prognosen messen könnte.

Stephan Sigrist: Es herrscht natürlich die Meinung, dass Zukunftsforschung nur dann erfolgreich ist, wenn bestimmte Prognosen eintreten. Ein sinnvolles Messinstrument ist meiner Meinung nach aber der Erfolg am Markt. Unsere Prognose ist dann gelungen, wenn es einer Firma oder einer politischen Institution gelingt, sich aufgrund dieser über einen längeren Zeitraum erfolgreich am Markt zu positionieren oder ein Programm zu initiieren, das ein bestehendes Problem löst.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die sich vor der Zukunft fürchten? Es stehen ja doch einige bedrohliche Tendenzen im Raum, die unser heutiges Leben bedrohen oder in Frage stellen.

Stephan Sigrist: Ich habe sehr wohl Verständnis dafür. Angst zu haben ist auch eine Grundkonstitution, die jeder Mensch mit sich bringt. Aber wenn wir einmal auf die letzten paar tausend Jahre zurückblicken, dann ist die Lebensqualität in der entwickelten Welt, gerade in puncto Gesundheit, Wohlstand und Sicherheit, viel besser geworden. Auch global gesehen leben weniger Menschen in absoluter Armut, die Tendenz ist grundsätzlich also positiv. Das heisst natürlich nicht, dass man bestimmten Entwicklungen wie jener der Klimaerwärmung oder der Finanzkrise nicht kritisch gegenüberstehen sollte. Aber ich glaube, man darf ein Stück weit auf die Fähigkeiten des Menschen vertrauen, das jeweils Richtige zu tun, wenn der Druck gross genug ist. Auf dem Weg dorthin können uns zwar Fehler unterlaufen, aber das liegt in unserer Natur. Man lernt nur durch Ausprobieren und Machen.

Ist dieses Versuch-und-Irrtum-Prinzip auch Ihr persönlicher Tipp um «fit for the future» zu sein?

Stephan Sigrist: Durchaus. Wir haben heute die Erwartung, dass unser privates, wirtschaftliches und politisches Leben sehr planbar ist. Wir sind es uns nicht mehr gewohnt, dass unerwartete Entwicklungen passieren. Und ich glaube, hier müssen wir wieder bescheidener werden und anerkennen, dass es keinen linearen Weg in die Zukunft gibt. Wir haben zwar Excel-Tabellen und SAP Systeme. Diese versprechen aber eine Planbarkeit, die es letzten Endes nicht gibt. Der beste und der einzige Weg ist es, Mut zu haben und Projekte, an die wir glauben, anzugehen, auch wenn diese auf Widerstand treffen. Ganz allgemein und losgelöst von meiner Person denke ich, dass es sich lohnt, sich systematisch mit langfristigen Entwicklungen zu beschäftigen. Dies befähigt einen am Ende, vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Sie haben die Finanzkrise und die Klimaerwärmung bereits erwähnt. Gibt es auch Trends, welche die Öffentlichkeit noch nicht auf dem Radar hat, die aber wichtig werden könnten?

Stephan Sigrist: Die gibt es, interessanter und wichtiger finde ich allerdings die Tatsache, dass man sich heutzutage einseitig auf bestimmte Tendenzen stürzt und diese eindimensional betrachtet. Man nimmt zwar gewisse Themen auf, denkt sie aber nicht weiter. Die Urbanisierung zum Beispiel. Alle sprechen von den Megastädten, aber es gibt wenig zukunftsorientierte Überlegungen, was man mit den ländlichen Gebieten rundherum machen könnte. Auch die Digitalisierung ist ein Trend, den man oft eindimensional angeht. Seit 2007 produzieren wir mehr Daten, als wir speichern können. Wir werden in den nächsten Jahren damit konfrontiert sein, dass mehr eben nicht gleich besser ist, sondern zu einer Verringerung der Produktivität führt. Dazu gehört auch, dass wir heute im Internet keine Entscheidungsgrundlagen finden, sondern lediglich einzelne Datenpunkte. Wir hüpfen oft von einem Thema zum nächsten, das führt zu einem Rückgang von logischem Denken und Kreativität. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird es entsprechend sein, nicht zwingend noch mehr Daten zu generieren, sondern wirklich brauchbare Entscheidungsgrundlagen daraus abzuleiten.

Gibt es denn eine geeignete Strategie, um diese Informationsflut und Datenmenge zu bewältigen?

Stephan Sigrist: Wir werden umdenken und eine Reihe von Entschlackungsmodellen etablieren müssen. Hierfür braucht es nicht zwingend immer neue Softwarealgorithmen, sondern es gibt sehr einfache Methoden. Man kann sich der Informationsflut auch ein Stück weit entziehen und muss nicht 24 Stunden am Tag erreichbar sein. Es wäre zum Beispiel möglich, E-Mails nur dann zu schreiben, wenn es wirklich notwendig ist. Man kann vielleicht aus der Vergangenheit lernen und sich so verhalten, als müsste man einen Brief verfassen. Dadurch wäre man gezwungen, sich zunächst einmal zu überlegen, was wirklich wichtig ist. Dies erfordert allerdings Eigenverantwortung. Wir sollten die Technologie nicht überall einsetzen, wo wir es theoretisch könnten, sondern nur dort, wo sie einen echten Nutzen bringt.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach der Arbeitsplatz der Zukunft aus?

Stephan Sigrist: Man hört immer wieder, dass wir künftig keine physischen Arbeitsplätze mehr brauchen, weil wir dank der Digitalisierung von überall her Zugriff auf Daten haben und Meetings via Skype abhalten können. Ich denke nicht, dass der direkte Austausch zwischen Mitarbeitenden virtualisierbar ist. Im Gegenteil, die Interaktion zwischen Menschen dürfte künftig gerade wegen dem wachsenden Anteil der elektronischen Kommunikation wesentlich wichtiger werden. Das heisst nicht, dass wir nur noch in Grossraumbüros arbeiten sollten, sondern dass wir differenzieren müssen, welcher Teil unserer Arbeit elektronisch erledigt werden kann und wo weiterhin ein direkter Austausch nötig ist. Der Arbeitsort der Zukunft braucht also Interaktionsräume, gleichzeitig aber auch Orte, an die man sich zurückziehen kann, um ohne Ablenkung zu arbeiten. Es geht aber nicht nur um die Frage, wie Büros gestaltet sind, sondern auch darum, wo wir geografisch arbeiten. In Zürich verabschieden sich momentan viele Grossunternehmen, z.B. Banken, aus der Innenstadt und beziehen Gebäude am Stadtrand. So entstehen Distrikte, in welchen sich Menschen aus denselben Branchen treffen. Personen, die sich mit anderen Dingen beschäftigen, sieht man gar nicht mehr. Das finde ich eine kritische Entwicklung. Denn ich glaube, es ist wichtig, dass sich unterschiedliche Berufsgruppen, also Banker, Forscher, Designer und Handwerker, treffen und austauschen, da ansonsten das gegenseitige Verständnis für die jeweils anderen Tätigkeitsfelder und damit auch eine wichtige Grundlage für Innovation verloren gehen.

Wir haben nun viel über Veränderungen gesprochen. Gibt es Ihrer Meinung auch etwas, das sich nie verändern wird?

Stephan Sigrist: Wir Menschen werden uns nicht verändern – zumindest nicht, solange wir nicht zu Cyborgs werden.

 

Interview: Sarah Hefti, Marketing & Communications

 

Stephan Sigrist

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Leiter des Think-Tanks W.I.R.E.