Schweiz

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  • Datum: 28.05.2013

«Der Druck auf die Unternehmen ist hoch» 

Interviewpartner: Peter Uebelhart, Leiter Steuern von KPMG Schweiz

Der aktuelle Swiss Tax Report zeigt mehrheitlich konstante oder steigende Steuersätze in der Schweiz. Ist die Zeit der Steuersenkungen vorbei?

Peter Uebelhart: Es sieht fast danach aus. Bei den Unternehmen wurde der Abwärtstrend deutlich gebremst. Insgesamt haben die Kantone und Städte die maximalen Gewinnsteuersätze für Unternehmen zwar nochmals leicht gesenkt, es haben aber bereits erste Kantone – beispielsweise Schwyz und St. Gallen – Steuererhöhungen durchgeführt. Auch was die Individualbesteuerung betrifft, kann man tatsächlich von einer Trendwende sprechen: Erstmals seit 2008 sind die Spitzensteuerätze für natürliche Personen wieder ganz leicht angestiegen.

Wie beurteilen Sie diese Trendwende?

Peter Uebelhart: Einige Kantone, die in der Vergangenheit die Steuern teilweise massiv gesenkt haben, realisierten, dass die damit verbundenen Ausfälle mittelfristig nicht tragbar sind. Diese Entwicklung entspricht auch einem internationalen Trend. Dieser wird überlagert von einer sehr politisch geprägten Debatte um die “gerechte“ Besteuerung von natürlichen Personen und Unternehmen. Viele europäische Staaten wie auch die USA sind derzeit auf zusätzliche Einnahmen angewiesen und setzen alles daran, ihre Ansprüche durch die Fiskalpolitik umzusetzen.

Welche Gefahren ergeben sich dadurch für die Schweiz?

Peter Uebelhart: Der Druck auf die Steuerprivilegien für Unternehmen in der Schweiz ist bereits sehr hoch. So hoch, dass die Finanzministerin – unterstützt von den kantonalen Finanzdepartementen – gegenüber der EU eine Abkehr vom bisherigen System angekündigt hat. Es ist der Schweiz in der Vergangenheit gelungen, ein äusserst attraktives Steuersystem aufzubauen. Aufgrund dessen haben sich zahlreiche international tätige Unternehmen, Firmenhauptsitze, aber auch einkommensstarke und vermögende Privatpersonen hier angesiedelt. Dies hat sich positiv auf das Wirtschaftswachstum und den Arbeitsmarkt der Schweiz ausgewirkt, mit einem substantiellen Beitrag zum Steuersubstrat von Bund, Kantonen und Gemeinden. International tätige Konzerne erwirtschaften rund die Hälfte des BIP und die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung tragen über drei Viertel der Einnahmen durch die Einkommenssteuer. Wir laufen momentan Gefahr, massiv an Attraktivität einzubüssen.

Sind andere Länder besser aufgestellt?

Peter Uebelhart: Steuertechnisch durchaus. Wenn wir die maximalen Steuersätze der Kantonshauptorte international vergleichen, so sind etwa Irland, aber auch die Finanzplätze Singapur und Hongkong sehr gut aufgestellt. Im Bereich der Individualbesteuerung leben einkommensstarke Privatpersonen z.B. in Bulgarien, Litauen oder Ungarn aufgrund der dortigen Steuersätze und -modelle deutlich günstiger als in der Schweiz. Aus diesem Grund alleine ziehen diese Personen jedoch nicht in solche Länder. Was letztlich zählt, ist ein Mix aus harten und weichen Standortfaktoren, wobei die Steuersätze einen wichtigen Aspekt darstellen. Wir stellen aber fest, dass andere Länder sich sehr aktiv um Unternehmen und hochqualifiziertes Personal bemühen und äusserst kompetitive Angebote bereithalten.

Wie sehen Sie die zukünftig Entwicklung des Steuerstandorts Schweiz?

Peter Uebelhart: Es ist immens wichtig, dass die Politiker in nächster Zeit pragmatische und strategisch sinnvolle Lösungen erarbeiten. Der aktuelle Zwischenbericht des eidgenössischen Finanzdepartements ist ein wichtiger Schritt dahin. Man darf aber auch nicht ausser Acht lassen, dass mit der Beilegung des «Steuerstreits» mit der EU weit nicht alle Probleme gelöst sind. Was die Schweiz braucht, ist eine langfristig ausgerichtete Steuerstrategie, welche den Wirtschaftsstandort und Werkplatz nachhaltig stärkt sowie das Steuersubstrat und die Arbeitsplätze der bisher privilegiert besteuerten Unternehmen sichert. Eine solche sollte nicht nur als reaktives Flickenwerk daherkommen, sondern zukünftige Entwicklungen antizipieren und Perspektiven eröffnen. Es sollten Lösungen sein, die auch in Zukunft die notwendigen Einnahmen generieren, aber vor allem auch die Attraktivität und die „Gesundheit“ der Schweizer Wirtschaft stärken. Dabei geht es in erster Linie darum, den Unternehmen eine grössere Planungssicherheit hinsichtlich der künftigen Entwicklungen ihrer Steuerpositionen zu ermöglichen.

Was wären mögliche Ansatzpunkte?

Peter Uebelhart: Eine nachhaltige Lösung des Steuerstreits setzt bei qualitativen Massnahmen an. Dazu gehören erstens Lizenzboxen, um Forschung & Entwicklung zu fördern. Das kommt Kantonen mit innovationsstarken Branchen zugute. Ich denke dabei nicht nur an Basel Stadt, sondern auch an wachsende technologische „Hotspots“ in der Ost- und Westschweiz. Zweitens steht eine steuerliche Privilegierung von konzerninternen Zinseinkünften im Fokus. Dies würde die bisherigen Effekte auf Zinserträge für Holdinggesellschaften kompensieren. Als dritte Massnahme sehe ich eine starke Flexibilisierung oder Aufhebung des Massgeblichkeitsprinzips. Das würde z.B. den Kantonen Genf und Zug helfen, die aus regionaler Optik zentral gewordenen Handelsgesellschaften zu halten. Ziel muss es sein, sowohl für Unternehmen, wie auch für private ein tragbares und attraktives steuerliches Umfeld zu bieten. Beides ist essentiell für die Zukunft der Schweiz.
Interview: Michael Frei , Marketing & Communications
 

Peter Uebelhart

Peter Uebelhart

 

Head of Tax at KPMG Switzerland