Schweiz

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  • Industrie: Rohstoff- und Energiehandel
  • Datum: 14.05.2014

Rohstoffbranche behält Schlüsselrolle 

Interviewpartner: Paul Rieveley, Sektorleiter Rohstoff- und Energiehandel von KPMG in der Schweiz

Wie hat sich die Rohstoffhandelsbranche in den letzten Jahren entwickelt?

 

Die signifikanteste Entwicklung in den letzten Jahren war eindeutig die so genannte «Finanzialisierung» von Rohstoffen. Damit ist im Wesentlichen gemeint, dass gezielt Kapital seitens der Branche eingesetzt wird, um zusätzliche Erträge zu erwirtschaften und damit die Preisschwankungen gängiger Rohstoffe auszugleichen.

 

Zudem sind neue Unternehmen in den Markt eingetreten und neue Finanzprodukte geschaffen worden. Dabei ist die Vermutung entstanden, dass diese Entwicklung zu einer grösseren Schwankung von Kapitalflüssen sowie höheren Rohstoffpreisen geführt haben könnte. Daher wird diese Art von Transaktionen mancherorts als Spekulation bezeichnet.

 

Ein sekundäres und neueres Phänomen ist die steigende öffentliche Aufmerksamkeit für die Branche. Ob bei NGOs, in den Medien oder in der breiten Öffentlichkeit: Überall ist die Branche Gegenstand von Diskussionen über ihr Geschäftsmodell, ihre Rolle in der weltweiten Beschaffungskette und darüber, ob Grösse und Bedeutung der wichtigsten Handelshäuser systemische Risiken nach sich ziehen, die ein regulatorisches Eingreifen erforderlich machen.

 

Welche Veränderungen haben Sie im internationalen Umfeld beobachtet?

 

Eine signifikante Veränderung, die wir in den letzten Jahren beobachtet haben, war die Zu- und anschliessende Abnahme der Beteiligungen der Banken am Rohstoffgeschäft. Infolge der Deregulierung wurde die Bankbranche, allen voran die grossen Investmentbanken, ein bedeutender Akteur an den Rohstoffmärkten. Nach der Finanzkrise 2008 und der damit einhergehenden strengeren Regulierung des Finanzdienstleistungssektors zogen sich die Finanzinstitute in grosser Zahl jedoch wieder aus den Rohstoffmärkten zurück.

 

Zugleich beobachteten wir, dass die Händler sich weiterentwickelt haben, und zwar von Mittelsmännern zu stärker integrierten Energie- oder Lebensmittelunternehmern. Die Handelshäuser haben signifikante Upstream- (Exploration/Förderung), Midstream- (Lagerung) und Downstream-Werte (Distribution) erworben, meist von den grossen Erdölkonzernen. Dies hat das Geschäftsmodell grundlegend verändert und die Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt.

 

Wie hat sich die Situation in der Schweiz verändert?

 

Die Bedeutung der Rohstoffbranche für die weltweite Beschaffungskette und die schweizerische Wirtschaft ist in den letzten Jahren offensichtlicher geworden. Eine Reihe von Themen wie Energie- und Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz und die so genannte Ressourcenfalle für Entwicklungsländer haben die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit geweckt: Sie beobachten die Branche sehr genau und analysieren deren Rollenverhalten in Anbetracht dieser bedeutenden globalen Herausforderungen.

 

In der Schweiz hat der Bundesrat Untersuchungen in Auftrag gegeben und zwei Berichte über die Branche veröffentlicht. Diese Berichte unterstreichen, wie wichtig die Branche und entscheidende internationale Entwicklungen sind und in Bezug darauf, dass die natürlichen Ressourcen besonnen verwaltet werden, dass an den Märkten fair agiert wird und dass die Regierungen weltweit diese Ziele tatkräftig unterstützen.

 

Rohstoffhandelsunternehmen sehen sich zunehmend mit Anforderungen an eine transparente Berichterstattung konfrontiert. Wie gehen die Unternehmen mit diesen Anforderungen um?

 

In den letzten Jahren hat die Branche grosse Fortschritte gemacht. Heute stehen der Öffentlichkeit sehr viel mehr Informationen über ihre Aktivitäten zur Verfügung – mit dem Effekt, dass die Branche besser verstanden wird. Als Beispiel sind da der Börsengang von Glencore zu nennen oder Informationen, die öffentlich gemacht werden, wenn die Branche Kapitalmärkte für Finanzierungen in Anspruch nimmt. Die Handelsvereinigung GTSA koordiniert eine Brancheninitiative, die sich mit zusätzlichen Transparenzanforderungen befasst, und ich gehe davon aus, dass bestimmte wichtige Branchenakteure zukünftig unilaterale Massnahmen auf diesem Gebiet ergreifen werden. 

 

Vor welchen grossen Herausforderungen steht der Rohstoffsektor?

 

Die grössten Herausforderungen für den Sektor bleiben der Wettbewerb und das Ziel, Wert für die Kunden zu generieren. Solange die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen – infolge der Urbanisierung – hoch bleibt, sieht die Zukunft positiv aus. Der Sektor hat bereits in vorgelagerte und nachgelagerte Prozesse expandiert und ist das Risiko eigener Anlagen eingegangen. Daher hat er bis zu einem gewissen Grad die Risiken für seine eigenen Bilanzen zu tragen, die sich aus den Schwankungen der Rohstoffpreise ergeben.

 

Am Horizont der Schweiz ziehen jedoch Wolken auf, die Auswirkungen auf das geschäftliche Umfeld haben werden. Es geht um die aktuellen Steuerreformen, den regulatorischen Druck oder auch Schwierigkeiten wie die Gewinnung von mobilen internationalen Arbeitskräften, die für die Durchführung dieser internationalen Geschäfte benötigt werden. Allein die Unsicherheit rund um diese Fragen beeinflusst bereits manche geschäftliche Entscheidungen, was insbesondere den internationalen wirtschaftlichen Zentren zu Gute kommt, die sich als Alternative zur Schweiz präsentieren.

 

Wie wird sich die Branche in den kommenden Jahren weiter entwickeln?

 

Der Erfolg der letzten Jahre ist zu einem Grossteil dem Unternehmergeist der grössten Branchenakteure zu verdanken. Entscheidend für die Zukunft wird die Frage sein, wie sich die Weltwirtschaft im Umgang mit den Herausforderungen der Nachhaltigkeit weiterentwickelt. Egal, ob es um Energieeffizienz, Lebensmittelsicherheit oder finanzielle Stabilität geht: Die Rohstoffbranche wird bei der Auseinandersetzung mit diesen grundlegenden Themen eine Schlüsselrolle spielen.

 

Paul Rieveley

Paul Rieveley
Sektorleiter Rohstoff- und Energiehandel

Rohstoff- und Energiehandel

Der Handel mit Rohstoffen bildet seit Jahrhunderten das Fundament der wirtschaftlichen Tätigkeit des Menschen – er ist die Grundlage für unser Überleben als Einzelpersonen und für die Nachhaltigkeit unserer Wirtschafts- und Sozialsysteme.