Schweiz

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  • Industrie: Energieversorgung
  • Datum: 05.10.2011

Alternative Energiequellen noch nicht effizient genug 

KPMGnews im Interview mit Orlando Lanfranchi, Sektorleiter Energy & Natural Resources von KPMG

KPMGnews: In welche Richtung entwickelt sich die Energiepolitik in der Schweiz?

 

Orlando Lanfranchi: Die Hektik um den möglichst raschen Atomausstieg hat sich etwas gelegt. In der politischen Diskussion sind bereits erste Aufweichungen des absoluten Ausstiegs zu verzeichnen, auch wenn der Ständerat letzte Woche den Grundsatzentscheid des Bundesrates gestützt hat. Doch die Diskussion war von Anfang an sehr politisch und etwas hypothetisch, da über einen Ausstieg diskutiert wurde, ohne dass echte Alternativen zur Verfügung stehen. Die Förderung von alternativen Energieformen wird weiterhin ein grosses Thema sein. Die vom Staat eingerichteten Anreizsysteme wie zum Beispiel die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) sind aus meiner Sicht nicht zielführend, da so eine bereits bestehende Technologie gefördert wird, aber keine Innovationen angestossen werden. Für private Investoren ist ein Engagement in alternative Energien risikoreich und unsicher. Die Schweiz wird so schnell nicht vom Atomstrom loskommen können, sei es aus eigener Produktion oder aus Importen aus dem Ausland.

 

Inwiefern ist die Schweiz abhängig von den Entwicklungen im Ausland? Kann die Schweiz die Energiepolitik frei gestalten?

 

Orlando Lanfranchi: Die Schweiz kann ihre Energiepolitik grundsätzlich schon frei gestalten, wie jedes Land auch. Was im europäischen Kontext aber notwendig ist, ist eine gemeinsame Plattform des Energiehandels. Nur wenn die Märkte bzgl. Infrastruktur, grenzüberschreitendem Handel und Regulierung miteinander verknüpft sind, kann eine effiziente Produktion und Verteilung von Energie in Europa stattfinden. Heute sind diese Märkte noch zu stark national organisiert und reguliert.

 

Welche erneuerbaren Energien sind besonders vielversprechend? Wo steht die Schweiz beim Einsatz dieser alternativen Energiequellen?

 

Orlando Lanfranchi: Zunächst möchte ich festhalten, dass die Schweiz bereits heute einen Strommix hat, der 60 Prozent erneuerbare Energien umfasst, nämlich die Wasserkraft. Heute ist jedoch noch keine der bisher bekannten alternativen Energiequellen effizient genug, um den Bedarf in der Schweiz zu decken. Und eine Steigerung der Energieeffizienz wird durch den zunehmenden Verbrauch kompensiert. Windkraft ist hierzulande aus topografischen wie auch aus Umwelt- und Landschaftsschutz-technischen Überlegungen nur bedingt realisierbar. Die Photovoltaik ist noch nicht entwickelt genug, um den Bedarf an Energie decken zu können. Die Geothermie und die Verarbeitung von Biomasse sind ebenfalls weit davon entfernt massgeblich zur Deckung des Strombedarfs in der Schweiz beizutragen. In der Solartechnologie steckt jedoch das grösste Potenzial. Wenn es uns gelingt, die unendliche Energie der Sonne in neuen, effizienten Verfahren zu nutzen, sind alle Probleme der Energieversorgung gelöst.

 

Wo steht die Strommarktliberalisierung?

 

Orlando Lanfranchi: Da bewegt sich nicht viel zurzeit. Die Erfahrungen mit dem freien Handel auf Ebene der Grossverbraucher aus der Industrie haben die Erwartungen an die Deregulierung nicht vollständig erfüllt. Die Preisfindung zwischen Gestehungskosten und freiem Spiel von Angebot und Nachfrage funktioniert nicht wunschgemäss. Beispiele aus dem Ausland zeigen zudem, dass bei den privaten Haushalten nur rund 20 Prozent bereit und willens sind, ihren Stromanbieter je nach Preisangebot zu wechseln. Es gibt auch Stimmen, die eher von einem Trend zurück zum regulierten Marktmodell sprechen.

 

Sie waren an der europäischen «Global Power & Utilities Conference» in Paris. Welches sind für Sie die eindrücklichsten Erlebnisse? Wo sehen Sie die wichtigsten Trends?

 

Orlando Lanfranchi: Der Friedensnobelpreisträger und frühere Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) Mohammed El Baradei, wies in seinem eindrücklichen Referat deutlich darauf hin, dass sich die Welt nicht so schnell von der atomaren Produktion von Strom loslösen kann. Er verlangt jedoch eine deutliche Stärkung der nationalen wie auch internationalen Aufsicht der Atomkraftwerke sowie eine Verbindung dieser beiden. Ein Trend, der von den Ereignissen in Fukushima beschleunigt wurde. Bereits heute sprechen die Energieproduzenten von einer neuen Generation von Compliance und Regulierung in dem Bereich. Ferner wurde an der «Global Power & Utilities Conference» in Paris deutlich, dass der Atomausstieg vor allem ein Thema der deutschsprachigen Länder in Europa ist, wobei Österreich gar nie eigene Atomkraftwerke betrieben hat. Für den Rest der Welt scheint eine totale Ablösung von der Kernkraft kein prioritäres Ziel zu sein. Eine weitere Erkenntnis aus Paris ist, dass die Themen Nachhaltigkeit und CO2-Emmissionen aus dem prioritären Teil der politischen Agenda verschwunden sind, während diese Themen noch vor zwei Jahren im Zentrum der Energiewirtschaft standen.

 

 

Interview: Simone Glarner, Marketing & Communications
 

Orlando Lanfranchi

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