Schweiz

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  • Datum: 06.08.2014

«Fukushima hat für eine neue Ausgangslage gesorgt» 

Interview mit Michael Frank, Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen

Sie setzen sich als Direktor des VSE seit über drei Jahren für optimale Bedingungen der Elektrizitätswirtschaft und eine sichere Stromversorgung ein. Wo sehen Sie die grössten Veränderungen in Bezug auf die Stromproduktion?

Fukushima hat im März 2011 für eine neue Ausgangslage gesorgt: Der Bund beschloss, in absehbarer Zukunft auf Kernkraftwerke zu verzichten. Wir haben daraufhin mit unseren drei Szenarien «Wege in die neue Stromzukunft» aufgezeigt, wie der angestrebte Umbau des Energiesystems gelingen kann. Entscheide müssen stets mit Bedacht und mit Blick auf alle drei zentralen Aspekte – Produktion, Netzausbau und Speicherung – gefällt werden. Eine Schlüsselrolle im Umbau ist in allen Szenarien auch weiterhin für die heimische, erneuerbare Wasserkraft vorgesehen. Doch ausgerechnet bei der mit rund 60 Prozent Anteil an der Schweizer Stromproduktion wichtigsten und klimafreundlichen Technologie hat sich die Situation zuletzt weiter verschlechtert. Die Rahmenbedingungen müssen sich verbessern. Die Schweizer Wasserkraft braucht im Vergleich mit anderen erneuerbaren Energien wieder gleich lange Spiesse und darf nicht zu einer erneuerbaren Energie zweiter Klasse werden. Denn je mehr unregelmässig anfallender Strom produziert wird, desto wichtiger wird als Ausgleich die steuerbare Wasserkraft.

Was hat sich beim Stromhandel verändert?

Verschiedene globale Entwicklungen führten zu einem starken Zerfall des Strompreises: Hohe Schiefergasförderung in Nordamerika und tiefer Kohlepreis in Europa, extrem tiefe Preise für CO2, substanzielle Subventionen erneuerbarer Energien wie insbesondere in Deutschland sowie die allgemeine Wirtschaftslage, die auf die Nachfrage drückt. Nicht beabsichtigte Auswirkungen davon sind der Anstieg des CO2-Ausstosses und die grossen Probleme der nicht subventionierten Kraftwerke. Im Rahmen des Umbaus des Energiesystems werden Import und Export ihre grosse Bedeutung behalten oder sogar zunehmen, um Schwankungen von Angebot und Nachfrage ausgleichen zu können. Für die Schweiz ist es dabei wichtig, vollwertig am Market Coupling mitmachen zu können, welches die EU ab 2015 einführt.

Welches sind die wichtigsten Veränderungen beim Stromvertrieb?

Seit dem ersten Schritt der Marktöffnung per Anfang 2009 hat sich die Zahl der Grosskunden, die sich für den freien Markt entschieden haben, stets erhöht. Inzwischen werden bereits 25 Prozent der in der Schweiz verbrauchten Strommenge über den freien Markt beschafft. Der Wettbewerb hat sich intensiviert. Auch die vom Gesetz vorgesehene vollständige Marktöffnung stellt die Stromversorgungsunternehmen vor grosse Herausforderungen, wie beispielsweise die effiziente Abwicklung von Kundenwechselprozessen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in der kostendeckenden Einspeisevergütung?

Die momentane Auslegung der KEV führt zu Marktverzerrungen und letztlich ineffizienten Investitionsentscheiden bei der Stromproduktion. Eine zielführende Förderung der Stromproduktion mit erneuerbaren Energien muss Anreize für marktgerechtes Verhalten, die Wahl der optimalen Technologie und den optimalen Investitionszeitpunkt enthalten. Nach der Anschubfinanzierung muss es nun gelingen, die stochastisch produzierenden Erneuerbaren ins Gesamtsystem eines verzerrungsfreien Energiemarktes zu integrieren. Die heutige KEV ist noch zu wenig marktnah und muss unbedingt Preissignale berücksichtigen.

Energieeffizienz ist ein wichtiger Teil der Energiestrategie 2050 des Bundes. Was können die Elektrizitätswerke dazu beisteuern?

Die grosse Mehrheit der Elektrizitätsunternehmen ist in diesem Bereich bereits aktiv oder plant zusätzliche Massnahmen – freiwillig und obwohl bisher die Wirtschaftlichkeit fehlt. Die Branche leistet ihren Beitrag zudem mit Projekten in Zusammenarbeit mit der Energieagentur der Wirtschaft (EnAW), mit einem Alternativvorschlag zuhanden des Bundes als Ersatz für die diskutierten «Weissen Zertifikate» und mit der diesjährigen Lancierung der Ausbildung «eidg. dipl. Energie- und Effizienzberater/in». Die Absolventen werden für die praktische Umsetzung der Energiestrategie 2050 sorgen und einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen Effizienzsteigerung leisten. Was bei der Effizienzdiskussion vielfach vergessen geht: Es geht um Gesamtenergie- und nicht nur um Stromeffizienz. Strom ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. In den meisten Fällen führen Stromanwendungen zu einer Effizienzsteigerung. Ich denke da beispielsweise an die Wärmepumpen als Ersatz von Ölheizungen.

Bundesrat und Parlament wollen aus der Kernenergie aussteigen. Macht sich die Schweiz damit vom angrenzenden Ausland abhängig?

Mit dem angekündigten Ausstieg aus der Kernenergie wird der Anteil des importierten Stroms ansteigen. Wir müssen 40 Prozent der derzeit produzierten Strommenge ersetzen. Das ist eine grosse Herausforderung. Allerdings müssen wir uns bewusst sein: Die Schweiz ist keine Strominsel und wird es auch nie sein. Der Austausch über die Landesgrenzen hinweg ist schon heute enorm wichtig. Elf Prozent des europaweit gehandelten Stroms fliesst über die Schweizer Übertragungsnetze. Das macht die Schweiz mitten in Europa zu einem wichtigen Handelspartner. Zudem werden die Pumpspeicherwerke in den Schweizer Alpen noch wichtiger, je stärker der Ausbau der stochastischen Produktion europaweit ist.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen bezüglich der Versorgungssicherheit?

Bereits seit längerem beschäftigt uns der Ausbau des bisherigen Übertragungsnetzes, um Engpässe zu überbrücken. Zudem stellt die zunehmend dezentrale und unregelmässige Stromproduktion immer höhere Anforderungen ans Stromnetz. Deshalb ist es wichtig, dass die Netzstrategie, wie vom Bundesrat angekündigt, bald kommt und Investitionssicherheit schafft. Insbesondere müssen die Verfahren zum Neu- und Ausbau der Infrastruktur kürzer und wesentlich effizienter werden. Zudem gilt es hier erneut zu betonen, dass wir die Rahmenbedingungen für Wasserkraft wieder verbessern müssen, um dadurch Investitionsanreize zu schaffen. Für die Versorgungssicherheit von morgen sind weitere Investitionen in Wasserkraftprojekte notwendig.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Verhandlungen mit der EU? Auf welchem Stand sind diese und worum geht es dabei?

Seit dem 9. Februar und der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative sind die Verhandlungen mit der EU sistiert. Gemäss Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation hat es zuletzt zaghafte positive Signale aus Brüssel gegeben. In den technischen Aspekten ist man sich offenbar schon fast einig. Voraussetzung für das Stromabkommen sind Antworten auf noch offene institutionelle Fragen. Insgesamt sind wir weiterhin optimistisch, dass das Stromabkommen noch zustande kommt. Wir begrüssen dies, weil es für die Branche und die Volkswirtschaft von grosser Bedeutung ist. Auch in den Wirtschaftszentren beidseits der Alpen und beidseits des Rheins ist man sich der überwiegenden Vorteile eines offenen gesamteuropäischen Strommarktes sehr wohl bewusst und unterstützt dieses Bestreben.

Wie sehen Sie die Marktentwicklungen in der Schweiz? Wird eine Marktöffnung im Inland in absehbarer Zeit möglich sein?

Das bereits erwähnte Beispiel zeigt: Der offene Markt beginnt zu spielen. Und das ist gut so. Bundesrätin Doris Leuthard sieht ab 2018 die vollständige Marktöffnung vor. Dann können auch Haushaltkunden und Gewerbebetriebe mit weniger als 100 MWh Energieverbrauch den Stromversorger frei wählen. Ein Referendum ist zwar nicht auszuschliessen, aber wir gehen davon aus, dass die vollständige Marktliberalisierung – wie nun von Bern gemäss der Gesesetzesgrundlage angekündigt – erfolgt. Um eine effiziente Umsetzung zu ermöglichen, braucht die Branche genügend Umsetzungszeit. Sie bereitet sich entsprechend vor.

 

 

In welche Richtung entwickeln sich die Elektrizitätsunternehmen in der Schweiz?

 

Nicht nur das globale, sondern auch das schweizerische Umfeld verändert sich stetig und fordert die volle Aufmerksamkeit unserer Mitglieder. Die Herausforderungen, die sich uns stellen, sind zahlreich, komplex und gleichzeitig: Strategische Neuausrichtungen, Vorbereitungen auf die vollständige Marktöffnung, Umsetzung des ersten Massnahmenpakets der Energiestrategie 2050, Konvergenzentwicklung im Bereich ICT, Umgang mit der allgemeinen Wirtschaftslage, interne Kostensenkungsprogramme sowie die Steigerung der Effizienz in den Netzen. Sie sehen, die Branche befindet sich im Umbau und im Umbruch. Daraus ergeben sich neue Opportunitäten, die wir auch ergreifen werden.

 

Wie sehen Sie den Strommarkt der Schweiz in den nächsten 20 Jahren?

 

Die Strombranche befindet sich in einer spannenden, dynamischen Situation. Wir beobachten einige Trends, in welche Richtung sich der Strommarkt bis 2035 entwickelt: ICT wird mehr Einfluss auf den Energiebereich ausüben, die Energienetze werden stärker zusammenwachsen, die Geschäftsmodelle und das Rollenverständnis der Energieversorger werden einem grossen Wandel unterworfen sein. Der Anteil des Stroms aus erneuerbarer Energie, der in der Schweiz bereits heute 60 Prozent beträgt, wird weiter steigen und damit auch die dezentrale Produktion. Zugleich werden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Stromimporte zunehmen. Am meisten Ungewissheit herrscht im politisch-regulatorischen Umfeld – sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Da würden wir eine Trendumkehr befürworten: Weniger Mikroregulierung und mehr Raum für Marktlösungen, damit die Preissignale ihre Wirkungen entfalten können und Investitionsanreize setzen.

 

 

Zur Person: Michael Frank

Michael Frank ist seit 2011 Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. In seiner Verantwortung liegen die Wahrnehmung und die Koordination der Interessen der verschiedenen Gruppierungen und der Mitglieder sowie die Führung der Geschäftsleitung. Michael Frank verfügt über eine langjährige Erfahrung im Umfeld von Liberalisierung, Marktöffnung, Netzinfrastrukturen, Regulierung in der Stromwirtschaft, Telekommunikation und im Bereich Public Affairs. Er begann seine Laufbahn beim Bundesamt für Kommunikation, danach folgten verschiedene Führungsfunktionen und Tätigkeiten bei der Swisscom und der Axpo. Michael Frank ist 1963 in Biel geboren. Er verfügt über ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität in Bern und das Staatsexamen als Fürsprecher. Er ist zudem Vorstandsmitglied der Energieagentur der Wirtschaft (EnAW).

 

Michael Frank

Michael Frank
Direktor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen