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  • Datum: 25.01.2012

    Nachhaltiges Wachstum ist zentral 

    Interview mit MIchael J. Andrew, Chairman von KPMG International

    Nach der jüngsten Wirtschaftskrise sieht sich der Westen nun mit einer massiven Staatsverschuldung und den daraus in der Weltwirtschaft resultierenden Veränderungen konfrontiert. Handeln die Regierungen richtig?

    Michael J. Andrew: Die Regierungen handeln insofern richtig, als sie begreifen, dass etwas getan werden muss, um die derzeit hohe Verschuldung zu reduzieren – nicht nur in den Peripherieländern der Eurozone, sondern auch in verschiedenen grösseren westlichen Volkswirtschaften wie den USA, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland. Darüber hinaus verleihen Wachstumsmärkten mit hohen Devisenpositionen vermehrt ihrem Unbehagen über die Höhe ihrer Engagements in einigen der grossen Industriestaaten Ausdruck. Somit dürfte der Fokus auf Staatsausgaben und Verschuldung auch weiterhin Priorität haben. Gefragt ist gemeinsames und entschlossenes Handeln, um Vertrauen zu schaffen, dass die Staaten fähig sind, ihre Probleme anzugehen. Die wahre Herausforde-rung besteht darin herauszufinden, wie qualitativ gutes, nachhaltiges Wachstum erreicht werden kann. Sparprogramme allein können nicht die Lösung sein.

     

    Nebst der Reduzierung der Staatsverschuldung müssen wir verhindern, dass Länder wieder in die Rezession abrutschen. Können diese beiden Ziele miteinander in Einklang gebracht werden?

    Die Staatsausgaben in den Griff zu bekommen ist entscheidend. Dies muss im Rahmen einer längerfristigen Strategie geschehen, mit der das Wachstum wieder angekurbelt wird. Die aktuellen Schuldenprobleme werden noch durch die Tatsache verschärft, dass wir uns heute sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor einem massiven Schuldenabbau gegenübersehen. Die Regierungen müssen gemeinsam Lösungen erarbeiten. Die Staats- und Regierungschefs sind sich dessen bewusst. Daher entschlossen sich die verschiedenen Zentralbanken vergangenen November auch, gemeinsam Liquidität zur Unterstützung des Bankensektors einzuschiessen. Deshalb versuchen die Staats- und Regierungschefs der grössten westlichen Volkswirtschaften zusammenzuarbeiten, um die wirtschaftliche Integration Europas mithilfe einer stärker zentralisierten Haushaltspolitik zu stützen. Schulden- und Liquiditätsprobleme müssen also angegangen werden, doch Europa muss auch eine längerfristige Restrukturierung in Angriff nehmen, um das Wachstum anzukurbeln. Es braucht einen koordinierten Ansatz zur Steigerung der Produktivität und Senkung der Kosten, damit die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den schnell wachsenden aufstrebenden Volkswirtschaften verbessert werden kann.

     

    Einige der Wachstumsmärkte sehen sich ganz anderen Problemen gegenüber. Wie können sie das Inflationsrisiko einschränken und künftig die Bildung von Blasen vermeiden?

    Die Wachstumsmärkte waren die treibende Kraft hinter der weltweiten Erholung. Doch aufgrund des schnellen Wachstums und der steigenden Investitionen im Ausland sehen sie sich einem zunehmenden Inflationsdruck gegenüber. Um Nachhaltigkeit bei Wachstum und Entwicklung sicherzustellen, wollen die Regierungen einen vernünftigen und konsequenten makroökonomischen Ansatz verfolgen. So hat beispielsweise China Bereitschaft gezeigt, seine Geldpolitik aktiv anzupassen, sobald die wirtschaftliche Lage dies notwendig macht. Dadurch sollen der Inflationsdruck kontrolliert oder das Wachstum angekurbelt werden können. In den Wachstumsmärkten muss man sich auf den Aufbau ausgeglichener Volkswirtschaften mit stärkeren Binnenmärkten konzentrieren, die weniger von Exporten abhängig und widerstandsfähiger gegenüber Devisenschwankungen sind.

     

    Die Weltbevölkerung hat unlängst die Sieben-Milliarden-Marke überschritten. Der Druck auf die natürlichen Ressourcen und die Sozialpolitik sowie die Notwendigkeit technologischer Fortschritte werden weiter zunehmen. Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?

    Die Weltbevölkerung hat nun die Zahl von sieben Milliarden erreicht, und man schätzt, dass sie bis Mitte des 21. Jahrhunderts auf neun Milliarden anwachsen wird, wobei praktisch das gesamte Wachstum in Asien, Afrika und Lateinamerika erfolgt. In einer Welt mit knappen Ressourcen steigt die Zahl der Menschen, die Nahrungsmittel, Wasser, Energie und medizinische Versorgung benötigen, Jahr für Jahr um 100 Millionen. Ein schonender Umgang mit Ressourcen und Ressourcensicherheit werden somit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Es besteht auch die Notwendigkeit, die Lebensbedingungen in Ländern mit wachsender Bevölkerung zu verbessern und den Menschen dort Chancen zu ermöglichen. In den aufstrebenden Ländern des Nahen Ostens, Afrikas und Südostasiens muss zum Beispiel in grundlegende Schuldbildung, Infrastruktur, Wohnungsbau, eine angemessene Gesundheitsversorgung und in die Schaffung von existenzsichernden Arbeitsplätzen investiert werden. In den Entwicklungsländern Lateinamerikas und Ostasiens muss unter anderem das wirtschaftliche Umfeld verbessert werden. Dies sollte über regulatorische und rechtliche Reformen geschehen, die mehr Transparenz bringen, Korruption beseitigen und wirtschaftliche Investitionen und Innovationen ankurbeln. Um die Produktivität steigern und die wirtschaftlichen Schlüsselsektoren mit qualifizierten Arbeitskräften versorgen zu können, benötigen diese Länder immer mehr Leute mit höherer Schul- und Berufsbildung. Weiter braucht es eine vernünftige Umweltpolitik, um den Ausstoss von Treibhausgasen zu senken und den Umweltschutz zu stärken.

     

    Wie lauten die vielversprechendsten Strategien für Unternehmen und Regierungen, um diese Herausforderungen anzugehen?

    Für Unternehmen, Regierungen und NGOs ist es unabdingbar zusammenzuarbeiten, um so die notwendigen Grundlagen und Strukturveränderungen für wirtschaftliche Chancen zu schaffen. Dazu braucht es Investitionen in Forschung & Entwicklung, öffentlich-private Partnerschaften, Technologietransfer, rechtliche und regulatorische Reformen sowie Rahmenbedingungen bei der Corporate Governance, die zu Transparenz, Effizienz und Vertrauen in die Kapitalmärkte führen. Der Wissensaustausch zwischen den verschiedenen Regierungen ist von grosser Bedeutung. Viele sehen sich nämlich denselben Herausforderungen gegenüber und können enorm profitieren, indem sie mehr über die Innovationen, Erfolge und Erfahrungen der anderen lernen. Ferner müssen Unternehmen ihren Aufgabenbereich erweitern und zusammen mit ihren zahlreichen verschiedenen Interessengruppen zusammenarbeiten, um so über das wirtschaftliche Umfeld hinaus auch in gesellschafts- und umweltpolitischen Bereichen Verantwortung wahrnehmen zu können. Mit der Schaffung von Grundlagen für eine bessere Bildung, Infrastruktur und Arbeitsmöglichkeiten für eine schnell wachsende, arbeitsfähige Bevölkerungsschicht und der Stimulierung der Binnenwirtschaften zwecks Aufbau von Steuersubstrat haben aufstrebende Volkswirtschaften bessere Aussichten auf Erfolg, und es können sich stabile Gesellschaften entwickeln.

     

    Werden sich die Machtverhältnisse künftig noch stärker von West nach Ost und von Nord nach Süd verlagern?

    Ich bin auch der Ansicht, dass eine grundlegende Verschiebung stattfindet, und zwar nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im politischen, demographischen und gesellschaftlichen Bereich. In den sich entwickelnden und aufstrebenden Märkten des Ostens und Südens sind ein starkes Einkommenswachstum sowie ein zunehmender inländischer Konsum zu beobachten. Dadurch werden diese Länder weniger stark von den traditionellen wirtschaftlichen Kräften abhängig sein. Die Verlagerung hat bereits zu veränderten globalen Handelsmustern geführt. So gibt es beispielsweise eine neue «Seidenstrasse». Hier handeln Länder Lateinamerikas, des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas mit Gütern im Wert von USD 2,8 Billionen. Heute finden 50% bis 60% des globalen Handels zwischen verschiedenen regionalen Handelsgebieten statt. Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre wird sich die Top-10-Liste der wichtigsten Länder bezüglich Wachstum und Grösse verändern. Betrachtet man Chinas Aufstieg, Indiens schnelles Wachstums und das Aufstreben Brasiliens, so werden die Karten eigentlich in diesem Moment neu gemischt, und bislang lässt sich das mögliche Potenzial in Lateinamerika und Afrika nur erahnen.

     

    Natürlich läuft auch in den Wachstumsmärkten nicht alles reibungslos. Auch sie werden mit wirtschaftlichen, demographischen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen haben. Doch die Verlagerung West-Ost und Nord-Süd wird weitergehen. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass der Norden, Süden, Osten und Westen aufeinander angewiesen sind. Egal, ob es sich um den Verkauf europäischer Autos in China oder die Exporte aus den USA nach Brasilien handelt, die globale wirtschaftliche Verflechtung ist eine Tatsache.

     

    Was erachten Sie für einen jungen Menschen, der in den Arbeitsmarkt eintritt, als die wichtigste Fähigkeit?

    Ich habe darauf zwei Antworten: Die wichtigste Fähigkeit ist, das persönliche Netzwerk erweitern zu können. Das geht über den Umgang mit den sozialen Medien hinaus. Es geht um mehr, um etwas Gehaltvolleres als eine Facebook-Seite oder ein LinkedIn-Konto. Ich spreche über das Pflegen enger beruflicher Beziehungen. Man muss bereit sein, mit anderen zusammenzuarbeiten, teamfähig sein, neue Aufgaben annehmen und mit den unterschiedlichsten Ansichten umgehen können. Dadurch öffnen sich neue Horizonte, ergeben sich berufliche Chancen und wird der echte Wert starker Freundschaften erkennbar. Darüber hinaus ist die wichtigste Qualität, die ein Mensch haben kann, persönliche Integrität. Diese macht den Ruf aus und ist etwas, das man nicht kaufen kann. Ist der Ruf erst einmal beschädigt, so ist es äusserst schwierig, ihn wiederherzustellen. Integrität wird immer gefragt sein, ganz egal, wie das wirtschaftliche Umfeld aussieht.

     

    Michael J. Andrew

    Image Michael Andrew

    Chairman von KPMG International