Schweiz

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  • Datum: 22.10.2013

Tessin: Innovation und Vernetzung gefragt 

Interviewpartner: Laura Sadis, Finanzdirektorin des Kantons Tessin

Welches sind Ihrer Meinung nach derzeit die dringendsten politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen für den Kanton Tessin?

 

In den nächsten Jahren wird die Inbetriebnahme von Alp Transit dem Kanton beträchtliche Chancen bieten. Wir müssen also erstens in der Lage sein, diese wahrzunehmen und so gut wie möglich zu nutzen, damit das Wachstums- und Entwicklungspotenzial in der ganzen Region, vor allem mittel- und langfristig, zum Positiven ausgeschöpft werden kann.

Zweitens wird sich unser Kanton mit den laufenden Änderungen im Finanzsektor auseinandersetzen müssen. Dieser ist für das Wachstum und die Entwicklung des Tessins seit einiger Zeit von grundlegender Bedeutung. Es muss dem Kanton gelingen, sich neu zu positionieren, und zwar indem er einen Mehrwert schafft, der in erster Linie das Angebot neuer Dienstleistungen und neuer Kompetenzen auf zunehmend höherem Niveau umfasst.

Und drittens müssen wir dem Arbeitsmarkt besondere Aufmerksamkeit schenken, um zu verhindern, dass der zunehmende Druck in ein gefährliches Ungleichgewicht mündet, das den sozialen Zusammenhalt in unserem Kanton gefährdet.

 

In welchem Ausmass spürt der Tessiner Wirtschaftsplatz den Druck vom benachbarten Italien?

 

Der Kanton Tessin liegt im lombardischen Becken mit zehn Millionen Einwohnern. Wenn diese ganze Region unter der Wirtschaftskrise leidet, ist es klar, dass jemand, der dort lebt und seine Arbeit verliert, den Blick auf die Schweizer Seite der Grenze richtet. Von daher kommt der Druck der Grenzgänger – eine historische Konstante – der in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Der aktuelle Anteil beträgt über 58'000 von insgesamt 220’000 Beschäftigten im Kanton Tessin, welches mehr als 21 % der gesamtschweizerischen 276’000 Grenzgänger ist. Die Anzahl Grenzgänger hat sich zudem seit 2000 mehr als verdoppelt. Neben der starken Zunahme des Pendlerverkehrs beunruhigen ein paar weitere damit verbundene Phänomene wie das Lohndumping und das Ersetzen von einheimischen durch ausländische Arbeitskräfte. Hinzu kommen die selbständig erwerbende Konkurrenz und die in die Schweiz entsandten Arbeitnehmenden, deren Anzahl in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Vom Staat wird also eine besondere Aufmerksamkeit verlangt. Einerseits im Hinblick auf die Überwachung mittels Kontrollen und Sanktionen zur Verhinderung von Missbräuchen, andererseits aber auch zur Unterstützung einer gesunden, wettbewerbsfähigen Wirtschaft, die vor allem für die Ansässigen neue Arbeitsplätze schafft.

 

Welche Branchen sind von diesem Druck besonders stark betroffen?

 

Einige Sektoren wie das Baugewerbe, die Industrie und das Gesundheitswesen hätten grosse Schwierigkeiten, wenn sie nicht auf die Präsenz von Grenzgängern zählen könnten. Für andere Branchen hingegen – und hier denke ich insbesondere an den Tertiärsektor – ist das Grenzgängertum ein relativ neues Phänomen, das auch zu einem Ungleichgewicht führen kann. So haben sich die Grenzgänger im Dienstleistungssektor verdreifacht (von etwas mehr als 10’000 im Jahr 2000 auf über 32’000 heute). Wie ich schon sagte, muss der Staat  dafür sorgen, dass die Grenzgänger nicht aus spekulativen Gründen auf Kosten der ansässigen Arbeitskräfte angestellt werden. Andererseits muss er aber auch die Privatwirtschaft in die Pflicht nehmen und diese für die Verantwortung der Unternehmen gegenüber der Region, in der sie tätig sind, sensibilisieren. Es geht also nicht darum, entlang der Grenze Mauern zu errichten, sondern darum, mit konkreten politischen Massnahmen am Aufbau eines starken und gesunden unternehmerischen Gefüges zu arbeiten, das Mehrwert und nicht soziale Konflikte schafft.

 

Der Kanton Tessin schliesst seine Bilanz regelmässig mit einem hohen Defizit ab. Warum ist das so? Und welche Massnahmen sind zur Lösung dieses Problems ergriffen worden?

 

In den vergangenen Jahren ist es dem Kanton gelungen, die Bilanz im Wesentlichen auszugleichen. Mit der Banken- und Finanzkrise sind die Steuereinnahmen zurückgegangen. Auch die Finanzierung der Privatspitäler, eine neue Aufgabe des Kantons seit der Revision des KVG, liess die Staatsausgaben empfindlich in die Höhe schnellen. Zum Glück ist man sich sowohl im Staatsrat als auch im Parlament weitgehend einig, dass die kantonalen Finanzen saniert werden müssen. Es sind bereits diverse Massnahmen ins Auge gefasst worden, dank denen es kurzfristig möglich sein wird, die Finanzen des Kantons wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Ausserdem hat die Regierung die Einführung einer Schuldenbremse für das öffentliche Defizit vorgeschlagen, die derzeit von der Geschäftsprüfungskommission als konkrete Massnahme für eine mittel- und langfristig konsequente und nachhaltige Verwaltung der kantonalen Finanzen geprüft wird.

 

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des Arbeitsmarkts im Kanton Tessin ein?

 

Im Allgemeinen hat es der Tessiner Arbeitsmarkt verstanden, sich unter den weltweit schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen und in einem zunehmend wettbewerbsorientierten Umfeld zu behaupten. Obwohl die Arbeitslosigkeit vor allem in der jüngeren Bevölkerungsschicht leicht zunimmt, ist sie in den vergangenen Jahren doch relativ konstant geblieben.

Dennoch zählt die Arbeitslosenquote des Tessins landesweit zu den höchsten (2012 betrug sie 4,4 % im Vergleich zu gesamtschweizerisch 2,9 % gemäss den Daten des SECO). Ausserdem haben die Probleme einiger der angrenzenden Staaten sowie die negativen Folgen des Personenfreizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und der EU zu neuen Dynamiken geführt, die häufige Missbräuche auf dem Arbeitsmarkt zur Folge haben. Man muss sich vor Augen halten, dass die Löhne im Tessin 15 % unter dem nationalen Durchschnitt liegen. In gewissen Branchen wurden zum Beispiel inakzeptable Lohnniveaus festgestellt, die den Staatsrat dazu veranlasst haben, Normalarbeitsverträge mit verbindlichen Mindestlöhnen einzuführen.

Für die Tessiner Regierung ist es letztlich auch von grundlegender Bedeutung, die Bundesbehörden immer wieder für die Besonderheiten der sozio-ökonomischen Begebenheiten in unserem Kanton zu sensibilisieren. Diese Bemühungen haben in der jüngeren Vergangenheit denn auch zu positiven Resultaten geführt wie die Verstärkung der flankierenden Massnahmen zur Personenfreizügigkeit, die im letzten Jahr entschieden wurden und für die sich der Kanton Tessin zusammen mit anderen Kantonen stark gemacht hatte.

 

Gibt es Ihrer Meinung nach einen «Polentagraben»  zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz, und wenn ja, in welchem Ausmass?

 

Ich glaube nicht, oder wenn, dann ist er nicht unüberwindbar. Doch wie bereits gesagt, muss das Tessin Bern gegenüber notgedrungen Sensibilisierungsarbeit bezüglich der eigenen Besonderheiten leisten, damit diese gebührend berücksichtigt werden. Diesbezüglich ist es leider ein Nachteil, dass es seit dem Austritt von Flavio Cotti 1999 keinen Tessiner Bundesrat mehr gegeben hat und dass an der Führungsspitze der Eidgenössischen Verwaltung nur wenige Tessiner mitwirken. Es nützt jedoch wenig, die Stimme zu erheben. Die Forderungen müssen von triftigen Argumenten und konkreten Vorschlägen begleitet sein. Genau das versuche ich persönlich zu tun.

 

In welchen Branchen sehen Sie ein Wachstumspotenzial im Hinblick auf eine Zusammenarbeit und die Beziehung zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz?

 

Das Tessin arbeitet in verschiedenen Bereichen bereits konstruktiv mit anderen Kantonen zusammen. Man denke zum Beispiel an das Programm «San Gottardo 2020», ein gemeinsames Projekt der Kantone Tessin, Uri, Wallis und Graubünden, dessen Ziel die Entwicklung der Region rund um den Gotthard zu einem vitalen Wirtschaftsraum ist. Das Programm «San Gottardo 2020», das geografische, politische, sprachliche und kulturelle Barrieren überwindet, gilt als beispielhaftes Projekt der Zusammenarbeit zwischen den Kantonen.

 

Sind die Beziehungen zwischen dem Tessin und der Westschweiz einfacher als die zur Deutschschweiz?

 

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit und die fruchtbarsten Synergien entstehen dann, wenn gemeinsame Themen und Interessen vorhanden sind und nicht auf der Basis von regionalen und sprachlichen Affinitäten. So gesehen habe ich nicht den Eindruck, dass das Tessin mit einem Teil der Schweiz die besseren Beziehungen pflegt als mit einem anderen.

 

Was unterscheidet das Tessin von der Deutschschweiz und der Romandie?

 

Für das Tessin ist typisch, dass es, zusammen mit einem Teil des Kantons Graubünden, die einzige italienischsprachige Region der Schweiz ist – die so genannte Dritte Schweiz. Hinzu kommt die Besonderheit als peripherer Grenzkanton, der von der übrigen Schweiz geografisch abgetrennt ist.

 

Das Tessin kennt man als die Sonnenstube der Schweiz.  Was hat der Kanton sonst noch zu bieten?

 

Aus touristischer Sicht ist unser Kanton seit jeher der «erste Süden», vor allem für die Besucher aus der übrigen Schweiz und aus Deutschland. Doch abgesehen vom Klima und der geografischen Lage hat das Tessin einiges zu bieten, und zwar nicht nur den Touristen, sondern auch den Menschen, die hier leben oder hier eine Firma gründen: schnelle Verbindungen nach Zürich und Mailand (und in Zukunft wird sie dank AlpTransit und der Eisenbahnlinie Lugano-Malpensa noch schneller sein), privilegierte Beziehungen zu Norditalien und der Lombardei, einen stark internationalisierten Wirtschaftssektor, der sich immer wieder der Innovation verschreibt und sich immer mehr mit der Bildung und Forschung verknüpft, ein Finanzzentrum von internationaler Bedeutung, ein hohes Bildungsniveau, ein angemessenes und konkurrenzfähiges Steuersystem, ein schlankes Verwaltungssystem (gemäss einer 2013 veröffentlichten Studie der Handelskammer darf sich das Tessin der konkurrenzfähigsten kantonalen Verwaltung der lateinischen Schweiz rühmen), sozialen Frieden und ganz allgemein eine hohe Lebensqualität.

 

Wie sehen Sie und wie wünschen Sie sich die Zukunft Ihres Kantons?

 

In einer zunehmend globalisierten und vom internationalen Wettbewerb geprägten Wirtschaft wird es für den Kanton Tessin entscheidend sein, sich neue Kompetenzen anzueignen und die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, insbesondere durch Innovation und die Vernetzung des Wissens. Darüber hinaus muss der Kanton in der Lage sein, neue Unternehmen anzuziehen, die mit dem lokalen unternehmerischen Gefüge interagieren und qualifizierte Arbeitsplätze anbieten. Die Welt der Bildung und Forschung mit den Hochschulen USI und SUPSI, deren Bedeutung zunehmend wächst, stellt ein Potenzial dar, das  in Verbindung mit der wirtschaftlichen Entwicklung und den Unternehmen bestmöglich genutzt werden muss. Die Zukunft unseres Kantons hängt zwangsläufig auch vom Umweltschutz und der Aufwertung unserer Region ab, aber auch von der Öffnung nach aussen und gegenüber neuen Ideen.

 

Interview: Simone Glarner, Media Relations

 

Laura Sadis

Laura Sadis

 

Finanzdirektorin des Kantons Tessin