Schweiz

Details

  • Datum: 17.04.2013

«Lebensmittelläden werden sich stark verändern» 

KPMGnews im Interview mit Jürg Meisterhans, Sektorleiter Detailhandel

KPMGnews: Werden wir im Jahr 2025 unsere Lebensmittel nur noch online einkaufen?

Jürg Meisterhans: Nein, das ist eine der zentralen Feststellungen der Studie, die wir zusammen mit dem GDI durgeführt haben. Es lässt sich zwar eine deutliche Tendenz feststellen, dass insbesondere Non-Food-Artikel und standardisierte Lebensmittel zunehmend online eingekauft werden. In der Schweiz wollen die Konsumenten ihre alltäglichen Lebensmittel wie Fleisch, Gemüse oder Milchprodukte jedoch nach wie vor im Laden kaufen. Nicht jeder Apfel ist ja unbedingt gleich wie der andere. Nur im Laden kann man sich unmittelbar von der Qualität der Produkte überzeugen. Kommt hinzu, dass die Kosten für die Heimlieferung immer noch hoch sind. Kleine Einkäufe lohnen sich online daher meist nicht. Das heisst aber lange nicht, dass sich der Lebensmitteleinzelhandel nicht verändern würde – im Gegenteil: Verschiedene Entwicklungen werden die Lebensmittelländen in Zukunft stark verändern.

KPMGnews: Und welche Veränderungen sind das?

Jürg Meisterhans: Betrachten wir beispielweise unseren Alltag: Immer weniger Menschen leben in immer gleichen Tagesstrukturen. Arbeitsmodelle werden flexibler und das Freizeitverhalten spontaner. Dass wir einmal in der Woche alle Einkäufe für die ganze Woche erledigen, ist nicht mehr überall Standard. Denn dies bedingt auch, dass wir alle unsere Malzeiten für die nächsten Tage planen. Durch die zunehmende Verbreitung mobiler Geräte mit Internetzugang können heute Entscheidungen schneller und spontaner getroffen werden. All dies fördert eine Gesellschaft, die es sich gewohnt ist, alles hier und jetzt zur Verfügung zu haben. Die Leute kaufen ihre Lebensmittel zunehmend «um die Ecke» und fahren immer weniger mit dem Auto zum Supermarkt in periphere Lagen fahren. Dies entspricht auch dem Bedürfnis einer wachsenden Schicht von über 65-jährigen, denen längere Anfahrtswege und Gehdistanzen Schwierigkeiten bereiten. Auch die Energiepreise spielen hier eine Rolle. Wenn Benzin immer teurer wird, hat das auch einen Einfluss auf die Mobilität der Kunden.

KPMGnews: Werden die Läden der Zukunft also kleinerund lokaler? Gibt es weitere Trends?

Jürg Meisterhans: Ja, allerdings. In der Vergangenheit waren die Lebensmittelgeschäfte eher so konzipiert, dass möglichst viele Kunden in möglichst raschscher Zeit ihre Einkäufe verrichten konnten. Das beleibt aufgrund der steigenden Bevölkerungszahlen vermutlich auch in Zukunft wichtig. Es zeigt sich aber, dass sich die Konsumenten weniger funktionale Läden und Lebensmittel wünschen, die der blossen Produkte- bzw. Nahrungsmittelzufuhr dienen. Sie möchten authentische Produkte, deren Inhaltsstoffen sie vertrauen können und von denen sie wissen, dass sie gesund sind. Es wird eine Herausforderung darstellen, diese sehr individuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Neue Technologien ermöglichen es ja, dass Produkte gemäss den persönlichen Vorstellungen der Kunden zusammengestellt werden. Bereits heute kann man sich das selbst kreierte Müesli im Internet bestellen und es sich nach Hause liefern lassen oder es im Laden abholen.

KPMGnews: Produkte selbst zusammenstellen – sieht so das Zukunftsmodell aus?

Jürg Meisterhans: Das ist durchaus denkbar. Noch wahrscheinlicher ist jedoch, dass man sich nicht nur die jeweiligen Produkte, sondern den gesamten Einkaufkorb online zusammenstellt und dann an einer Abholstelle in Empfang nimmt. Diese Art von Einkaufen spart Zeit. Zudem ist sie im Vergleich zur Heimlieferung flexibler und günstiger. Der Laden ist eine mögliche Abholstelle. Denkbar ist aber auch, dass der Einkauf in Zukunft in einer Art gekühlten «Abholbox» bereitsteht, die sich unweit vom eigenen Wohnort befindet. Dieses Szenario ist gerade auch aufgrund steigender Energiepreise nicht so unwahrscheinlich.

KPMGnews: Wie muss man sich den Laden, in den man noch selber geht, vorstellen?

Jürg Meisterhans: Wichtig ist, dass in einem Laden – ganz im Unterschied zur Heimlieferung oder Abholbox – weiterhin Menschen arbeiten, mit denen man in persönlichem Kontakt steht. Zudem werden Kundenbindung und Kundenservice in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen. Die Menschen haben zwar virtuell unzählige Kontakte, der direkte soziale Austausch ist und bleibt aber ein Bedürfnis der Menschen. Früher, als die Bewohner von Städten und Dörfern auf dem Markplatz einkaufen gingen, waren das Gespräch und der soziale Austausch eine wesentliche Komponente. Hier bieten sich neue Chancen für die Läden der Zukunft: Der persönliche Kontakt wird zu einem der wichtigsten Differenzierungsmerkmale. Da Standardprodukte vermehrt online eingekauft werden, entsteht ausserdem Platz, der flexibel genutzt werden kann. Beispielsweise kann auf derselben Fläche am Morgen Kaffee angeboten werden, am Mittag eine umfassende Verpflegungsmöglichkeit, und am Abend steht dann alles für den täglichen Einkauf bereit. Damit werden gleich zwei Bedürfnisse befriedigt: Der soziale Austausch und die Möglichkeit, sich rasch und gesund zu ernähren.

KPMGnews: Welches sind die Erfolgsmodelle, mit denen Lebensmitteläden in Zukunft am meisten Kunden gewinnen?

Jürg Meisterhans: Wir haben im Rahmen der Studie vier Szenarien entwickelt, wie ein erfolgreicher Shop der Zukunft aussehen könnte: Sehr gute Chancen werden erstens kleine Läden im Stile von «Tante-Emma»-Läden haben. Diese zeichnen sich aus durch Kundennähe und Regionalität und entsprechen den Bedürfnissen nach schneller und genussorientierter Nahrung. Ebenfalls ein erfolgsversprechendes Konzept sind zweitens sogenannte «Smart Marts»: Das sind Läden, die auf onlinebasierte Zusatzdienstleistungen setzen. Sei dies, um den eigenen Einkauf im Internet zusammenzustellen, einzelne Produkte nach individuellen Bedürfnissen zu kreieren oder Zusatzinformationen über die Lebensmittel zu erhalten. Dezentrale Versorgungspunkte oder Abholstellen ersetzen hier die grossen Einkaufszentren. Riesige Supermärkte werden sich, drittens, in Zukunft umstrukturieren müssen und vermehrt auf erlebnisreiches Einkaufen setzen. Auch reine Online-Einkaufsprotale sind, viertens, ein Modell der Zukunft, die der hohen Affinität der Kunden zu neuen Technologien entsprechen. Die hohen Energie- und Transportkosten sind hier jedoch eine einschränkende Komponente.

 

 

Interview: Michael Frei, Marketing & Communications

 

Jürg Georg Meisterhans

Jürg Georg Meisterhans

Partner, Audit Zürich

+41 58 249 35 78

Die Zukunft des Einkaufens

Teaser Image
Perspektiven für den Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland und der Schweiz. Eine Studie von GDI Gottlieb Duttweiler Institute und KPMG.