Schweiz

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  • Industrie: Konsumgüter & Detailhandel
  • Datum: 05.02.2013

Das spezielle Einkaufserlebnis unterwegs 

Interviewpartner: Josef Felder, Verwaltungsratspräsident The Nuance Group AG

Worin unterscheidet sich die Duty-Free-Branche vom Rest der Retail-Branche?

Josef Felder: Der Reise-Retail-Markt ist ein relativ kleiner Nischenmarkt von rund $46 Milliarden Umsatz. In den letzten Jahren hat jedoch eine markante Veränderung der Einkaufsgewohnheiten im Detailhandel stattgefunden. Die Menschen kaufen immer mehr auf dem Weg von der Arbeit nach Hause ein. Schauen Sie sich nur die Entwicklungen der Einkaufsflächen an den grossen Bahnhöfen und Flughäfen an. Die hohe Kunst besteht darin, dem Kunden den richtigen Mix aus Läden, Dienstleistungen und Restaurants am richtigen Ort anbieten zu können, ohne ihn jedoch zu stark in seinem Kaufverhalten zu bedrängen oder ihn auf seiner Durchreise gar aufzuhalten. Wir möchten unseren Gästen und Kunden das Gefühl geben, unterwegs zu Hause zu sein.

 

Ist der Begriff «Duty-Free», d.h. die Differenzierung über den Preis, immer noch das ausschlaggebende Verkaufskriterium, speziell in einheitlichen Währungs- und Handelszonen?

Der Treiber im Airport Shopping ist seit langem nicht mehr der Preis. Der Treiber ist «Convenience». Die Fluggäste und Konsumenten schätzen das einfach zugängliche und doch sehr breite und hochwertige Angebot auf einem Flughafen. In den Arrival Shops an den Schweizer Flughäfen Zürich und Genf haben Sie noch immer einen Preisvorteil aufgrund der Steuerdifferenz, im restlichen Europa spielt dieser Mechanismus natürlich nicht mehr.

 

Wie sehen Sie die künftige Entwicklung des Marktes?

Ein Flughafen macht heute keinen Gewinn mehr mit dem operativen Fluggeschäft, sondern viel mehr mit dem ergänzenden Shopping- und Dienstleistungsangebot. Die richtige Auswahl von Produkten und Dienstleistungen wird den Markt der Zukunft bestimmen, so dass sich das Fluggeschäft und der Retail-Markt optimal ergänzen. Entscheidend für eine erfolgreiche Partnerschaft zwischen Flughafen und Retailer sind faire Kooperationsverträge, die beiden Seiten genügend Freiraum und wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten geben. Aus meiner Erfahrung kenne ich beide Seiten der Partnerschaft und deren Bedürfnisse und Möglichkeiten.

 

Im Duty-Free-Markt gibt es immer noch rund 6-7 globale Anbieter. Diese haben zusammen aber weniger als 20% Marktanteil. Rechnen Sie künftig mit einer Konsolidierung in der Branche?

Die Branche ist historisch mit vielen regionalen Anbietern und Nischenplayern gewachsen. Ich bin überzeugt, dass eine weitere Konsolidierung stattfinden wird. Neben zunehmenden Passagierzahlen im weltweiten Flugverkehr ist es tatsächlich die globale Konsolidierung in der Branche, die für uns als einer der grössten im weltweiten Reise-Retail-Markt interessante Gelegenheiten zur Erschliessung neuer Märkte bietet. In der Frage der globalen und regionalen Präsenz – wir sind in 17 Ländern auf vier Kontinenten mit über 4600 Mitarbeitenden tätig – dreht sich alles um die Frage der grossen Wachstumsmärkte. Welche Märkte werden am stärksten vom weltweiten Wachstum der Mobilität und des Flugverkehrsaufkommens profitieren? Europa zählt hier eher weniger zu den Top-Favoriten. Asien, der Mittlere Osten aber auch Osteuropa bieten gute Chancen für Wachstum in naher Zukunft.

 

Wo stellen Sie besonders ausgeprägte regionale Unterschiede fest?

Wir versuchen, die Nuance-Kultur in allen unseren Geschäftsregionen zu integrieren. So ist es uns wichtig, dass sich die Gäste und Kundinnen und Kunden in unseren Läden nicht zu aggressiv auftretendem Verkaufspersonal gegenübersehen. Wenn Sie zum Beispiel unsere Shopping-Zone im Flughafen von Bangalore (Indien) mit derjenigen von – sagen wir – Taipeh vergleichen, den nicht wir betreiben, so erleben Sie die Unterschiede zwischen unaufdringlichem aber aufmerksamen Service einerseits und lautem und aggressivem Verkaufsgebaren andererseits. Das würde nicht unserem Stil entsprechen. Diese einheitliche Handschrift unserer Kultur ist wichtig, da die grossen Wachstumsmärkte in den kommenden Jahren in fernöstlichen, afrikanischen oder südamerikanischen Ländern sein werden.

 

Inwiefern steht die Duty-Free-Branche in Abhängigkeit zur Entwicklung in der Luftfahrt?

Obwohl der ganze Duty-Free- und Reise-Retail-Markt nicht nur an Flughäfen positioniert ist, werden doch rund 60 Prozent der Umsätze in der Branche in engem Zusammenhang mit der Luftfahrtindustrie gemacht. Das heisst wir sind sehr stark von der Entwicklung von Airlines, Flughäfen und Passagierzahlen abhängig. Da unsere Kernkompetenz jedoch Convenience im Shopping-Erlebnis generell ist, werden wir uns auch in verwandten Bereichen ausserhalb von Flughäfen weiter entwickeln und neue Märkte definieren. Bei der Ausschreibung von neuen Projekten schauen wir immer ganz genau, ob das Konzept und der Markt zu uns passen, vor allem aber, ob der Markt ein interessantes Absatzprofil aufweist. Nicht jeder neue Flughafen ist per se eine gute Geschäftsoption. Da spielen viele Faktoren mit. Kürzlich war ein sehr grosses Mandat mit 26 Flughäfen und Standorten in Südeuropa ausgeschrieben, um das wir uns nach eingehender Prüfung gar nicht erst beworben haben. Eine sorgfältige Risikoabschätzung ist für uns wichtiger als Wachstum um jeden Preis.

 

Wie wichtig sind für die Duty-Free-Branche die Themen Innovation und Qualität?

Qualität und Innovation sind ein Muss. Sie bestimmen unsere Position im Markt und unseren Ruf als innovatives und modernes Unternehmen. In der Auswahl unserer Marken und Retail-Partner achten wir auf höchste Qualität und Bekanntheit. Im Bereich Innovation geht der Trend neben den klassischen Kernkategorien zum so genannten «Retailment», d.h. der Kunde sucht im Reise-Retail-Markt nicht mehr nur Lebens- und Genussmittel oder praktische Reiseutensilien, sondern ist immer mehr auch empfänglich für Gadgets der Unterhaltungsindustrie. So waren wir die ersten, die den iPad in den Flughafen gebracht haben. Heute sind die Elektronikshops aus unseren Verkaufsflächen nicht mehr wegzudenken.

 

In welchen Bereichen und Produktkategorien sehen Sie weiteres Wachstumspotenzial?

Im Bereich der Produktauswahl geht der Trend neben den klassischen Kernkategorien wie Tabak, Spirituosen und Parfüms hin zu mehr Luxusartikel. Wir eröffnen weltweit immer häufiger so genannte «concept stores» und Boutiquen mit Marken aus den Bereichen Mode, Uhren, Schmuck oder Lederwaren. Bezogen auf unsere Geschäftsstandorte bleiben die Flughäfen mit Abstand das attraktivste Segment. Daneben betreibt Nuance aber auch immer mehr Shops in der Innenstadt und an den Grenzübergängen, wo wir unser Wissen aus dem Convenience-Shopping ausspielen können.

 

Welches sind die grössten Herausforderungen für die Branche in der Zukunft?

Wer global tätig ist und stark von einer krisen- und risikoabhängigen Branche wie der Luftfahrtindustrie abhängt, sieht sich mit ständig wandelnden Herausforderungen konfrontiert. Speziell empfindlich reagiert unser Geschäft auf Entwicklungen und Ereignisse in den Bereichen Währungskurse, sich verändernde Gesetzgebungen und Regulierungen, z.B. im Tabak-Bereich, Konkurrenz aus dem Online-Handel und Terrorattacken. Auch im Reise-Retailmarkt wird der Wettbewerb zunehmen, und die Margen stehen unter ständigem Druck. Wir sehen unsere Aufgabe vor allem in der konzeptionellen Weiterentwicklung mit einem stetig aktualisierten Angebotsmix, neuen Ladenkonzepten und der Schaffung neuartiger Einkaufserlebnissen für unsere Kunden.

 

 

Interview: Bryan DeBlanc, Partner Advisory, KPMG Schweiz

 

Josef Felder

Josef Felder