Schweiz

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  • Datum: 21.08.2013

Die Schweiz als stabile Insel 

In ihren vierteljährlichen Prognosen geht die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich von einem Anstieg des BIP um 1.4% bis Ende Jahr aus. Prof. Jan-Egbert Sturm erläutert im Interview, worauf diese Prognosen gründen und welche anderen Länder der Schweiz punkto Stabilität Konkurrenz machen könnten. Des Weiteren gibt er Einblick in die Tätigkeit eines Konjunkturforschers und benennt die wichtigsten Trends, die den Wirtschaftsstandort Schweiz aktuell und in Zukunft beschäftigen.

Prof. Sturm, warum brauchen wir überhaupt Konjunkturforschung?

Nun, man könnte sich auch fragen, weshalb wir Wetterprognosen erstellen. Der Mensch hat grundsätzlich das Bedürfnis zu wissen, was ihn erwartet, damit er sich optimal darauf vorbereiten kann. Ähnlich ist es bei Unternehmen oder öffentlichen Institutionen: Auch sie möchten ein Gefühl für die kurz- und langfristige Zukunft erhalten, beispielsweise um ihre Budgetplanung darauf abzustimmen. Auch wenn Vorhersagen natürlich nicht 100% sicher sind, so liefern sie trotzdem eine Planungsgrundlage.

Auf welcher Methodik basieren Ihre Vorhersagen?

Man muss grundsätzlich zwischen kurz- und langfristigen Prognosen unterscheiden. Langfristige Prognosen stützen sich stark auf Theorien ab, während Kurzfristprognosen sehr datenfixiert sind. Für letztere genügt es oft, gewisse Indikatoren zu berücksichtigen. Ein simples Beispiel: Wenn plötzlich die Anzahl Baugenehmigungen steigt, wird sich mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit innert kurzer Frist auch die Bautätigkeit verstärken. Langfristige Prognosen hingegen sind stärker theoriebasiert. Für unsere Analysemodelle ziehen wir dann die Volkswirtschaftslehre bei, berücksichtigen aber auch Situationen aus der Vergangenheit und beginnen so, unsere Aussagen abzuleiten. Die Welt ist allerdings so komplex, dass jedes Modell zwangsläufig eine starke Vereinfachung der Realität ist. Ausserdem steht die Vergangenheit nicht still, und wir müssen deswegen unsere Analysemodelle laufend anpassen. Es ist also – entgegen der Annahme vieler – nicht so, dass wir für unsere vierteljährlichen Prognosen einfach auf einen Knopf drücken können, um die Analyse laufen zu lassen.

Eine Ihrer kürzlich formulierten Prognosen ist ein Anstieg des Schweizer BIP um 1.4% für dieses Jahr – trotz Rezession im Euroraum. Worauf gründet diese Vorhersage?

Die Schweiz ist in der aktuellen Phase der Unsicherheit in Europa und in der Welt eine Art stabile Insel. Diese Stabilität sorgt dafür, dass sich in unserem Land der Privatkonsum gut hält. Des Weiteren verzeichnen wir nach wie vor eine hohe Zuwanderung: weil es rund läuft, brauchen wir geschulte Arbeitskräfte aus dem Ausland, die ihrerseits wieder den Konsum anregen – wir haben hier so gesehen einen Kreislauf, der sich selber verstärkt.

Trotz der positiven Prognosen: Was sind aktuelle Unsicherheitsfaktoren, die das Wachstum der Schweizer Wirtschaft hemmen könnten?

Es gibt zwei Faktoren, die aus konjunktureller Perspektive im Vordergrund stehen: Einerseits die chinesische Wirtschaft, die sich in letzter Zeit eher enttäuschend entwickelt hat. Geht dies so weiter, müssen wir mit negativen Folgen rechnen. Der zweite Unsicherheitsfaktor ist Europa. Niemand kann derzeit abschätzen, wie sich die politische Lage entwickeln wird. Wir befinden uns historisch gesehen in einer einmaligen Situation und können dadurch nicht einfach aus der Geschichte lernen. Im Moment ist zwar eine gewisse Ruhe eingekehrt, dies aber vor allem deshalb, weil in Deutschland Wahlen bevorstehen und man sich eher zurückhaltend äussert. Meine These ist, dass es diesen Herbst oder Winter nochmals kräftig rumoren könnte. Für uns bedeutet das, dass wir lediglich beobachten und auf das reagieren können, was – dann doch unerwartet – geschieht.

Einerseits also die guten Prognosen für die Schweiz, andererseits die unsichere Lage in Europa. Wie wirkt sich dies auf das Stimmungsbild der Schweizer Wirtschaft aus?

Wir befragen regelmässig ein Panel von 12‘000 Schweizer Unternehmen zu ihrer Wirtschaftlichkeit. Diese Erhebungen zeigen, dass die Stimmung in der Schweiz im Grossen und Ganzen nicht euphorisch, aber auch nicht schlecht ist. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen sind aber enorm. Während beispielsweise im Bausektor und bei den persönlichen Dienstleistungen, wozu auch das Gesundheitswesen gehört, Hochkonjunktur herrscht, bekundet der exportorientierte Industriesektor gerade mit dem verstärkten Wettbewerb und dem starken Schweizer Franken mehr Mühe. Vereinfacht gesagt, läuft es den binnenmarktorientierten Branchen gut. Grössere Schwierigkeiten haben Industrien, die von der europäischen respektive globalen Konjunktur abhängig sind.

Gibt es Länder mit vergleichbar guten Konjunkturprognosen wie die Schweiz?

Ja, Kanada und Australien haben die Wirtschaftskrise ebenfalls gut gemeistert, und auch in Asien gibt es mehrere Länder, die sich auf dem Wachstumspfad befinden. Innerhalb Europas schneiden Luxemburg und Österreich gut ab. Dennoch lassen sich diese Länder nicht direkt mit der Schweiz vergleichen, uns kommt aufgrund unseres starken Finanzplatzes und unserer Nichtmitgliedschaft in der EU eine Art Sonderstellung zu.

Zum Schluss: Welches sind die wichtigsten Trends in der Schweiz?

Zum einen sicher die steigende Bevölkerungsanzahl, die im Moment für eine robuste Binnenkonjunktur sorgt. Klar ist aber auch, dass mit dem Bevölkerungswachstum soziale Spannungen einhergehen, mit denen gerade die Politik lernen muss umzugehen.
Zum anderen kommt energiepolitischen Fragen eine tragende Rolle zu: Wohin wird die Reise der Schweiz gehen? Können die Anliegen und Wünsche, die politisch und sozial existieren, umgesetzt werden und wenn ja, mit welchen Kosten?
Das Thema Sozialversicherungen wird uns ebenfalls stark beschäftigen. Es gibt immer mehr alte als junge Menschen, was sich unmittelbar auf unser Rentensystem auswirkt. Zu guter letzt wird auch der Wandel der Finanzindustrie weitergehen, und es gilt, diesen genau zu verfolgen.
All diese Prozesse tangieren unsere Wirtschaft stark und beeinflussen letzten Endes die Schweiz als Wirtschaftsstandort. Es bleibt also spannend – uns geht der Forschungsstoff nicht aus.
Interview: Sarah Hefti, Media Relations
 

Prof. Jan-Egbert Sturm

Prof. Jan-Egbert Sturm
Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich