Schweiz

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  • Datum: 25.06.2014

«Mehr als Banken, Schokolade und Uhren» 

Interview mit: James Breiding, Gründer und Inhaber von Naissance Capital

Sie haben den Bestseller „Swiss Made“ über bisher nicht beleuchtete Aspekte der helvetischen Erfolgsgeschichte geschrieben. Was wissen die Menschen im Ausland noch nicht über die Schweiz?

Üblicherweise verbindet man im Ausland mit der Schweiz Banken, Schokolade und Uhren. Aber das Land hat sehr viel mehr zu bieten. Die Schweiz verfügt über eine enorme Vielfalt an Branchen wie bspw. die Investitionsgüter-, Tourismus-, Chemie- und Pharmaindustrie sowie zahlreiche Nonprofit-Organisationen. Bandbreite und Dichte der industriellen Basis sind kaum bekannt. Erkenntnisse, die während weniger Tage auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos oder auf einem Urlaub in den Bergen gewonnen wurden, vermitteln ein falsches oder nur oberflächliches Verständnis. Es liegt in der Natur der Schweizer, zurückhaltend zu sein und nicht mit Erfolgen zu prahlen.

Wofür steht „Swiss made” und welches sind die spektakulärsten Schweizer Erfolge?

Wie jede Marke weckt „Swiss made“ Erwartungen: Sie steht für Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit. „Swiss made“ ist nicht billig und auch nicht sehr glamourös, doch es hält, was es verspricht. Die bemerkenswertesten Erfolge wurden vermutlich auf dem Gebiet der Präzisionsmechanik, d.h. in der Uhrenindustrie erzielt. Die Entwicklung von Uhren markierte den Beginn der industriellen Revolution: Erstmals wurden Menschen nach Stunden bezahlt, statt nach Scheffeln – daher war es sehr wichtig, einen präzisen Zeitmesser zu haben. Stellen Sie sich nur vor: Bis zu 400 Metallteile wurden auf einer Fläche in der Grösse einer Münze platziert! Was für eine technische Meisterleistung. Innovationen in der Uhrenindustrie haben neue Produkte hervorgebracht, etwa winzige Schrauben, die in orthopädischen Prothesen zur Anwendung kommen, oder kleinste Batterien für Hörgeräte.

Wie innovativ ist die Schweiz?

Innovation ist das Grundthema aller Schweizer Unternehmenserfolge. In seinem Bericht über die weltweit wettbewerbsfähigsten Länder („World Competitiveness Report“) stellt das IMD fest, dass die Schweiz über die höchste Anzahl Patente und über mehr Nobelpreise pro Kopf als jedes andere Land verfügt. Der Anteil an Unternehmenserträgen, der in Forschung und Entwicklung fliesst, ist höher als in den meisten anderen konkurrierenden Volkswirtschaften, und in Prozent des BIPs ist die Schweiz das Land mit den sechsthöchsten F&E-Ausgaben weltweit. Diese Innovationsneigung hilft im Wettbewerb mit Niedriglohnländern, weil sie die Konzentration auf Produkte mit hohem Mehrwert stärkt, für die niedrige Arbeitskosten wenig entscheidend sind. Wenn ich ein Wort wählen müsste, welches den Charakter der freien Marktwirtschaft beschreibt – ihre DNA – dann wäre es „Innovation“. In diesem harten und unablässigen Wettkampf gewinnen diejenigen, die Produkte oder Dienstleistungen anbieten, die besser, anders oder billiger sind. Die Schweiz AG, auf kleinem Territorium gelegen, ist exportabhängig. Man sollte zudem nicht unterschätzen, dass die Schweiz AG wegen der ihr eigenen Präferenz von einheimischen Produkten und des unaufhaltsamen Erstarkens des Schweizer Franken besonders unter Druck stand und steht. Für alle Schweizer Unternehmen, die in der Schweiz produzieren sowie für Exporteure bedeutet all dies einen permanenten Fitnesswettstreit.

Was unterscheidet die Schweiz von anderen Ländern?

Es ist gar nicht lange her, dass die Nationen sich noch am Westfälischen Modell orientierten und davon ausgingen, dass die Stärke einer Nation auf der Grösse ihrer Armee, der Ausdehnung ihrer Kolonien, Bodenschätze oder ihrer Bevölkerungszahl beruht. Die Schweiz hat jedoch bewiesen, dass es der Handel ist, der zählt. Kein anderes Land dieser Grösse hat ein derart hohes Niveau an verfügbaren Einkommen erzielt und zugleich deren relativ gerechte Verteilung. Nur wenige Länder oder kein einziges sind in so vielen Branchen weltweit führend. Keiner anderen Industrienation ist es bisher gelungen, eine Belastung künftiger Generationen mit hoher Verschuldung sowie Illusionen über die Begleichung der Kosten für Renten und Gesundheitsversorgung zu vermeiden. In keinem anderen Land ist der einzelne Bürger so mächtig und kann sich so sicher sein, dass seine Stimme zählt. Gerade jetzt, da die öffentliche Meinung über Politiker und staatliche Stellen in den meisten westlichen Demokratien auf einem Tiefpunkt angelangt ist, erweist sich das politische System der Schweiz als wirkungsvoller Erfolgsfaktor.

Welche Rolle hat der Staat für die Entwicklung der Schweizer Industrie gespielt?

Den Schweizern ist es gelungen, den Einfluss der Regierung auf die Wirtschaft zu minimieren. Einen wichtigen Bestandteil des schweizerischen Erfolgsrezepts machen die starke Industrie und eine schwache Regierung aus. In Frankreich beispielsweise ist dies vollkommen anders. Dort wird „top down“ entschieden, z. B. ob die Auto- oder die Nuklearindustrie die höchste Priorität hat, und entsprechend wird das Kapital verteilt. Der Staat ist einfach schlecht in Ressourcenverteilung. 

Wie wichtig ist das Bildungssystem für den Erfolg der Schweiz?

Das Schweizer Bildungssystem ist entscheidend für den Erfolg. Lehrer sind gut bezahlt und angesehen. Ausserdem herrscht unter Schülern, Eltern, Schulen und in der Gemeinschaft ein Klima des Engagements. Unternehmen wie Google wählen die Schweiz, um Zugang zu der grossen Zahl talentierter Absolventen von Hochschulen wie der ETH und der EPFL zu haben, die zu den weltweit besten Ausbildungsstätten für Technische Informatik zählen.

Wird die Erfolgsgeschichte der Schweiz von Dauer sein?

Kein Verhaltensmuster oder Erfolgsmodell kann unverändert endlos von Bestand sein. Die Schweizer allerdings verfügen über einen starken Überlebensinstinkt. Kleine Länder sind angreifbarer als grössere. Steve Jobs soll einmal gesagt haben, dass „nur die Paranoiden überleben“. Damit erklärt sich vielleicht auch die Fähigkeit der Schweizer, aus Fehlschlägen noch einen Erfolg zu machen, sowie ihre Bereitschaft, kranken Unternehmen ein angemessenes Ableben zu ermöglichen.

Warum lieben multinationale Konzerne die Schweiz?

Der entscheidende Erfolgsfaktor für diese Unternehmen ist „Attraktivität“, nicht „Innovation“. Multinationale Konzerne bewegen Menschen, Kapital und Technologie von einem Standort zum nächsten wie auf einem Schachbrett – geleitet davon, wo sie die optimale Rendite erwarten. Jedes Unternehmen gewichtet die Vielfalt der Erwägungen anders, doch Faktoren wie wenig Regulierung, eine gut funktionierende Infrastruktur, geografische Nähe, niedrige Steuern, Schulen für die Kinder der entsendeten Mitarbeiter und Lebensqualität fliessen in die Analyse mit ein. Man darf den Einfluss von Partnern oder Kindern nicht unterschätzen, die sich unter Umständen jeden Tag über das Leben in Dubai, Brüssel oder Singapur beschweren. Genau wie für die Schweizer selbst, sind die Schweizer Werte auch für das nähere Umfeld der entsendeten Mitarbeiter attraktiv.
 

James Breiding

James Breiding
Gründer und Inhaber von Naissance Capital