Schweiz

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  • Datum: 16.07.2014

«Die Gründung war eine Pionierleistung» 

Interview mit: Heinrich Haller, Direktor Schweizerischer Nationalpark

Der Schweizerische Nationalpark feiert in diesem Jahr das 100-Jahre Jubiläum. Wo sehen Sie die grössten Veränderungen der letzten Jahre?

Weniger bei der Natur – die sich von Ausnahmen abgesehen eher langsam weiterentwickelt – als vielmehr in unserem Betrieb: In den vergangenen 20 Jahren ist der Aufwand verdreifacht und der Personalbestand verdoppelt worden. Damit verbunden sind markant verstärkte Leistungen, allen voran in Bildung und Forschung.

Weshalb braucht es den Nationalpark in der Schweiz? Und welche Aufgaben hat dieser?

Der Schweizerische Nationalpark (SNP) ist das wichtigste Naturschutzgebiet unseres Landes, der erste Nationalpark der Alpen und er entspricht als Wildnisgebiet der höchsten Schutzkategorie. Als Freiluftlaboratorium ist der Park für die Forschung ein ideales Untersuchungsgebiet; als Hort unberührter Natur bietet er einzigartige Erlebnisse und ein hohes Potenzial für die Pädagogik. Weiter ist der SNP für die Region touristisch von essenzieller Bedeutung.

Wie können Sie den Bestand der Tiere überprüfen? Werden im Park auch Tiere kontrolliert abgeschossen oder wird die Regulierung ebenfalls der Natur überlassen?

Ausgewählte Tierarten und andere Naturinhalte werden im Rahmen eines sogenannten Monitorings gemäss verlässlicher Methodik erfasst. Regulatorische Eingriffe werden keine vorgenommen, denn die Devise des SNP heisst «die Natur sich selbst überlassen». Damit haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass die zahlreichen Rothirsche, von denen die allermeisten lediglich im Sommerhalbjahr im SNP leben, nach ihrer herbstlichen Auswanderung ausserhalb des Parks jagdlich genutzt und reguliert werden.

Wie wichtig ist der Park für die Erforschung der Lebensräume von Flora und Fauna?

Der SNP ist eines der weltweit am besten erforschten Gebiete. Nicht wenige Erkenntnisse sind von grundsätzlicher Bedeutung, also nicht nur für das Parkgebiet von Belang. Die Nationalparkforschung hat beispielsweise zum Verständnis von natürlichen Vegetationsentwicklungen, zur Wald-Wild-Thematik und zum ökologischen Umgang mit Restwasser aus Wasserkraftwerken bahnbrechende, international beachtete Resultate erzielt.

Haben Sie im Nationalpark markante Klimaveränderungen wahrgenommen?

Die Klimaerwärmung ist allgegenwärtig. Bei verschiedenen Tieren musste festgestellt werden, dass diese heute im Durchschnitt höher leben als vor Jahrzehnten. Im Engadin gibt es noch einen gewissen Spielraum bei Verlagerungen nach oben, in manchen anderen Gebieten ist das nicht der Fall. Diese Feststellungen sind Zeichen einer grundsätzlichen, umfassenden Veränderung, die uns Menschen in verschiedener Hinsicht ganz direkt betreffen wird.

Glauben Sie, dass sich die Schweizer Bevölkerung der Wichtigkeit des Schutzes der natürlichen Lebensräume in den letzten Jahren bewusster geworden ist?

Ja, da bin ich mir sogar sicher. Ein Ausdruck davon ist die Entstehung des Netzwerks Schweizer Pärke; in den letzten sieben Jahren sind in unserem Land nicht weniger als 14 regionale Naturpärke ausgewiesen worden. Das Thema Ökologie durchwirkt heute die ganze Gesellschaft und beeinflusst beinahe alle politischen Parteien. Es wird sich lohnen, wenn wir unser Leben in Zukunft verstärkt auf Umweltverträglichkeit ausrichten. Die Natur ist ja nichts weniger als unsere Lebensgrundlage.

Wie sensibilisieren Sie die Bevölkerung für die Natur und Umwelt?

Durch die wunderbare Erlebniswelt des SNP (die für sich spricht) und durch zahlreiche Angebote, die von Exkursionen bis zu kulturellen Angeboten reichen. Aktuell empfehle ich den Besuch des Freilichtspektakels LAINA VIVA, das zwischen Mitte Juli und Mitte August in Zernez aufgeführt wird und die sagenhafte Gründung des Schweizerischen Nationalparks auf überraschende Art und Weise darstellt.

Wie schaffen Sie es, auch der jüngeren Generation den Park und seinen Wert näher zu bringen?

Auch diesbezüglich gibt es eine ganze Reihe von Angeboten, beispielsweise der digital gestützte Kinderpfad Champlönch und andere Erlebnispfade oder die Dis d' aventüra (Abenteuertage, Anm.d. R.) und die Winteraktivitäten. Zu den letzten beiden Angeboten sind einheimische Schulklassen eingeladen. Wir möchten, dass die Engadiner und Münstertaler Jugend zwei- bis dreimal während der Schulzeit einen positiven Zugang zum SNP findet.

Woher nehmen Sie die Unterstützung für die Weiterentwicklung des Nationalparks? Planen Sie grössere Investitionen?

Wir haben in den vergangenen Jahren mit dem Nationalparkzentrum und den besonderen Aktivitäten zum 100-Jahr-Jubiläum aufwendige Projekte umgesetzt. Nebst der öffentlichen Hand haben sich dabei vor allem Firmen und Stiftungen engagiert. Als Institution, die konsequent auf höchste Qualität setzt und einen exzellenten Ruf geniesst, finden wir immer wieder Geldgeber, welche die Projekte des SNP substanziell unterstützen.

 

Was motiviert Sie persönlich am meisten, sich für den Nationalpark einzusetzen?

 

Der SNP ist in meinem Inneren verankert und für mich viel mehr als nur ein Arbeitsplatz. Bereits vor 40 Jahren hat mich dieses einzigartige Gebiet als Feldforscher fasziniert. Der SNP ist mir seither zur Heimat geworden und ich bin nach wie vor jeden Tag dankbar hier – zusammen mit einem hervorragenden Team – tätig sein zu dürfen. Die Gründung des Nationalparks vor 100 Jahren war eine Pionierleistung sondergleichen; aus einer vorbildlichen Gesinnung ist ein zeitloses Werk entstanden. Dieses Werk ein Stück zu begleiten und weiter mit entwickeln zu dürfen, ist mit einer tiefen Befriedigung verbunden.

 

Heinrich Haller

Heinrich Haller
Direktor Schweizerischer Nationalpark