Hansjörg Walter: Wirtschaftlich müssen wir eine sich anbahnende Rezession verhindern. Wirtschaftspolitische Massnahmen dagegen einzusetzen ist schwieriger, als eine Rezession abzufedern. Eine grosse Aufgabe hat die politisch unabhängig entscheidende Nationalbank für die Beeinflussung des Wechselkurses. Der Schweizerfranken ist gegenüber dem Euro überbewertet und die Exportwirtschaft wird in Schwierigkeiten geraten. Die Steuerdifferenzen mit ausländischen Staaten werden anhalten, weil von den jeweiligen Oppositionen eine vernünftige Abgeltungssteuer opportunistisch bekämpft wird. Die Schweiz tut gut daran, die eigenen Gesetzmässigkeiten und politischen Prozesse eigenständig und unabhängig einzuhalten.
Die Wirtschafts- und Steuerpolitik, die Swissnessvorlage (Wappenschutz), die Revisionen des Aktienrechts, die Raumplanung, das Landwirtschaftsgesetz, das Kartellgesetz sowie die Finanzierung der Sozialwerke, der Landesverteidigung und der Infrastrukturbauten.
So schlecht war die vergangene Legislatur nicht. Wir haben eine finanziell vorteilhafte Lösung für die Bankenkrise (UBS) umgesetzt, die heftigen Angriffe der USA und der OECD durch Gesetzesrevisionen teilweise aufgefangen. Die Abflachung der Weltwirtschaft hat unser Land gut überbrückt und im Gegensatz zum Ausland die Staatsverschuldung abgebaut. Mein Wunsch wäre, dass zwischen National- und Ständerat weniger unterschiedliche Auffassungen entstehen und mit weniger Differenzbereinigungen ein schnellerer Gesetzgebungsprozess möglich würde. Wichtig ist, dass auch in Zukunft das Prinzip der Schuldenbremse eingehalten wird.
Die Erwartungshaltung an den Bundesrat steigt, sobald sich die wirtschaftliche Herausforderung verschärft. Der Bundesrat soll einheitlich und geschlossen gegen aussen auftreten. Dem Druck aus dem Ausland darf er nicht nachgeben. Für die stets schnelleren wirtschaftlichen Veränderungen sollten Varianten und vorbehaltene Entschlüsse rechtzeitig ausgearbeitet sein. Die Departementschefs müssen vorausschauend die auf uns zukommenden neuen Situationen erkennen.
Wenn sich die Medienlandschaft und der Kommunikationsstil der Gesellschaft verändern, hat das auch Auswirkungen auf die politische Kultur. Eine transparente und offene Information ist wichtig. Indiskretionen der Bundesverwaltung und der parlamentarischen Kommissionen sollen zukünftig strenger geahndet werden. Eine öffentliche Kritik des Bundesrates an den Beschlüssen des Parlamentes ist nicht vertrauensbildend. Der Kontakt der Landesregierung mit dem Volk ist gut.
Leider mussten immer mehr regulatorische Eingriffe in das Wirtschaftssystem gegen eigennützige Überbordungen vorgenommen werden. Viele Politiker sind sich bewusst, dass dadurch die korrekt laufenden Wirtschaftssysteme eingeschränkt werden. Das wirtschaftliche Handeln der Finanzdienstleister machte eine Änderung des Bankengesetzes notwendig (too big to fail). Das Verhalten hat auch Einfluss auf die übrige Wirtschaft mit einem strengeren Revisionsgesetz und einem einschränkenden Aktienrecht, eventuell zusätzlicher Bonibesteuerung. Unter diesen Voraussetzungen dürfte es schwierig sein, regulatorische Hürden abzubauen. Sehr wichtig ist ein offener globaler Marktzugang für die schweizerische Wirtschaft. Nationale Abschottungstendenzen sind deutlich feststellbar.
Interview: Simone Glarner, Marketing & Communications