Schweiz

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  • Datum: 18.06.2012

Risikomanagement auf oberster Führungsebene 

Interviewpartner:
Christoph Flückiger, Chief Risk Officer Group Operations bei Zurich Insurance Group

Wo sehen Sie persönlich die grossen Risiken für Ihr Unternehmen in der Schweiz?

Christoph Flückiger: Der Standort Schweiz bietet für uns als international ausgerichtetes Unternehmen auf der individuell-persönlichen, der unternehmerisch-institutionellen und der staatlich-politischen Ebene mehrheitlich Vorteile. Die Schweiz ist aber geographisch und ökonomisch in die Eurozone eingebettet. Das heisst: Die Risiken, die sich direkt oder indirekt aus den steuerpolitischen Diskussionen, der ungelösten Finanzkrise verschiedener Länder und den wachsenden regulatorischen Anforderungen ergeben können, sind auch für uns sehr relevant.

Sehen Sie international zusätzliche oder andere Risiken als hier in der Schweiz?

Christoph Flückiger: Die Risikoprofile in unseren verschiedenen Geschäftsgebieten sind insgesamt recht ähnlich, aber es gibt natürlich regionale und lokale Unterschiede. So spielen z.B. in Ländern mit hoher ökonomischer Unsicherheit Betrugsrisiken eine grössere Rolle. Weiter führt der Schutz des Konsumenten zu einer wachsenden Dichte an Gesetzen und Vorschriften. Vergessen wir nicht, dass die Diskussionen um die Definition von sogenannt systemisch relevanten Organisationen – und die damit verbundene Definition besonderer Anforderungen – noch nicht abgeschlossen sind.

Wie haben sich diese Risiken entwickelt? Können Sie die Entwicklung charakterisieren z.B. in Bezug auf deren Komplexität?

Christoph Flückiger: Unsere global-vernetzte Struktur führt zu einer höheren Komplexität unseres Risiko-Profils. Die gestiegene Komplexität ergibt sich aber nicht nur aus der internationalen Geschäftsausrichtung, sondern auch aus der Tendenz, die Erbringung von Service-Leistungen zunehmend an Drittorganisationen zu übertragen. Dies führt zwar zu Effizienzgewinnen, aber auch zu neuen Risiken. Die globale Wertschöpfungskette wird komplexer; ihre Anfälligkeit auf Störungen nimmt zu. Zwischenfälle in einem Markt oder bei einem einzelnen Zulieferer haben vermehrt Auswirkungen auf andere Märkte und sogar die gesamte Organisation. Auch steigen mit den sozialen Medien die Reputationsrisiken. Die vollständige und aktuelle Erfassung und Analyse der Risiken sowie die Vereinbarung von Massnahmen zur Beschränkung der potentiellen Auswirkungen sind über die letzten Jahre insgesamt anspruchsvoller geworden.

Wie monitoren Sie die Risiken? Mit welchen Strategien begegnen Sie denen?

Christoph Flückiger: Die konsequente Anwendung des „3-Lines-of-Defense“ Konzepts bleibt meines Erachtens ein wichtiges Prinzip für effektives Risiko Management. Risiko Management als isolierte Aktivität einer Fachfunktion kann nicht effektiv sein. Vielmehr muss die operative Geschäftsführung – d.h. die sogenannte „erste Linie“ – ihre Rolle im Enterprise Risk Management akzeptieren und aktiv wahrnehmen. „Risk Management is Everybody’s Business!“ ist denn auch unser Credo! Die Fachfunktion als „zweite Linie“ stellt sicher, dass ein klarer Risiko Governance Prozess mit standardisierten Tools zur laufenden Erkennung, Analyse, Beurteilung/Quantifizierung und Verfolgung von Risken entwickelt, und von der gesamten Organisation verstanden und angewandt wird. Schliesslich stellt Audit als unabhängige sogenannte „dritte Linie“ Transparenz über die effektive Anwendung der dokumentierten Richtlinien und Prozesse sicher.

Wie sehen Sie die Verankerung und Verknüpfung des Risk Managements mit der operativen Unternehmensführung?

Christoph Flückiger: Diesem Punkt messen wir bei Zurich grosse Bedeutung zu. Der Gruppen-CRO ist auf der Ebene der Geschäftsleitung positioniert, und berichtet im VR direkt an ein Board Risk Committee, das die Effektivität des Risk Managements regelmässig überprüft. Wichtig ist aber auch, dass in den operativen Führungsgremien aller anderen Ebenen (Segment – Region – Business Unit) Fachleute der Risk Management Funktion als sogenannte Business Partner vertreten und akzeptiert sind. Dies setzt allerdings voraus, dass deren Kompetenz sich nicht allein auf Risk Management Methodik beschränkt, sondern dass sie auch über solides Verständnis und Erfahrung im entsprechenden Fachgebiet verfügen. Um sich effektiv einbringen zu können, spielen nicht zuletzt kommunikative Fähigkeiten eine wichtige Rolle.

Hat sich die Rolle des Verwaltungsrats in Sachen Risikomanagement seit der Finanzkrise verändert?

Christoph Flückiger: Ich denke schon: Die Finanz- und Governance Krisen – es gibt ja eigentlich nicht „die Finanzkrise“, vielmehr handelt es sich eher um eine Reihe von Vorfällen und Diskussionen – haben gezeigt, dass der VR heute mehr denn je exponiert ist. Die Anleger und die Öffentlichkeit erwarten von ihm im Governancebereich klare Vorgaben und die Übernahme von Verantwortung. Dies hat über die letzten Jahre – so glaube ich – generell zu einem deutlich anspruchsvolleren VR Anforderungsprofil geführt, und zwar sowohl in Bezug auf die fachliche Kompetenz und Erfahrung, als auch hinsichtlich des zeitlichen Aufwands.

Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen heute, um Ihrer Verantwortung gerecht zu werden?

Christoph Flückiger: Risk Management hat sich traditionell primär mit der Einhaltung von finanziellen Kontrollen und regulatorischen Vorschriften befasst. Risk Governance wird auch eine Basisaufgabe jeder Risk Management Funktion bleiben, aber es wird heute mehr erwartet: Der stärkere Fokus auf strategische Risikobereiche soll zu höherer Effizienz und verbesserter Performance führen. Die Risk Management Funktion soll das Enterprise Risk Management Framework (ERM) im Einklang mit der Geschäftsorganisation entwickeln. Im Dialog mit der operativen Führung soll es einen substantiellen Beitrag zur Chancen-Erkennung und zum optimierten Einsatz des vorhandenen Risiko-Kapitals in einem sich rasch wandelnden Umfeld leisten. Tatsächlich deuten neuere Studien darauf hin, dass sich gutes Risk Management ganz direkt in besseren finanziellen Leistungen der Unternehmung niederschlägt.

 

Um all die erwähnten Ansprüche umzusetzen, ist eine neue Generation von Risk Managern gefragt – eine spannende Herausforderung!

 

Interview: Simone Glarner, Marketing & Communications