Schweiz

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  • Datum: 04.12.2013

«Finanzplatz London ist eine grosse Konkurrenz» 

Interviewpartner: Dr. Christian Katz, CEO SIX Swiss Exchange

Die Vorlaufindikatoren für die Schweizer Wirtschaft haben sich merklich verbessert. Was bedeutet dies für die Schweizer Börse?

Christian Katz: Dieser Umstand reflektiert sich auch an der Schweizer Börse. Wir orientieren uns aber vor allem an den internationalen Entwicklungen, denn 16% unserer kotierten Firmen sind ausländische Unternehmen. Die grössten Schweizer Unternehmen sind mittlerweile zudem so global aufgestellt, dass die Weltwirtschaftstrends auch für sie von grösserer Bedeutung sind als die Lage in der Schweiz.

Wie stark tangieren aktuelle politische und wirtschaftliche Entwicklungen wie der Steuerstreit Ihre tägliche Arbeit?

Christian Katz: Die aktuellen politischen Entwicklungen beeinflussen die tägliche Arbeit und die Ergebnisse von kotierten Unternehmen merklich. Seit der Annahme der Minder-Initiative im März 2013, welche nur auf börsenkotierte und damit rund 300 Firmen in der Schweiz zielt, haben wir einen markanten Rückgang des Interesses an Börsengängen registriert. Insbesondere Unternehmen aus dem Ausland sind verunsichert und halten sich zurück. Die Konsequenzen solcher wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen spürt die Schweizer Börse definitiv.

Welchen Einfluss hat die zunehmende Regulierung in den verschiedenen Branchen auf die Schweizer Börse?

Christian Katz: Ursprünglich beschlossen die G20-Staaten 2009 eine verstärkte Regulierung der Finanzmärkte. Die Erwartung war, auf diese Weise das Wirtschaften auf den Finanzmärkten sicherer zu machen und Exzesse wie in der jüngsten Vergangenheit zu unterbinden. Des Weiteren ging man davon aus, dass die Börsen weltweit von dieser Entwicklung profitieren würden – davon ist jedoch bis heute noch nicht viel zu spüren, und es gibt nur wenige Börsen, die einen Vorteil daraus ziehen konnten. Die Gründe dafür liegen einerseits in der ebenfalls zunehmenden Regulierung von Börsenbetreibern und angrenzenden Firmen. Andererseits werden Kunden, wie zum Beispiel Banken und Effektenhändler, ebenfalls stärker überwacht. Dies sorgt bei allen für merklich höhere Kosten. Innovation wird dadurch ebenfalls teurer und sichtbar gebremst. 

Welche Infrastruktur und Technik muss eine Börse heutzutage bieten? Und in welche Richtung entwickelten sich diese?

Christian Katz: Ein Börsensystem muss in erster Linie vier Kernanforderungen genügen: 1. der hohen Ausführungsgeschwindigkeit, 2. der zunehmenden Kapazität im Sinne der Anzahl Transaktionen pro Sekunde, 3. der gewünschten Funktionalität in Form von Ordertypen, Marktmodellen, Währungen und Überwachungsfunktionalitäten und 4. der notwendigen Stabilität einer Handelsplattform. Die Schweizer Börse ist in allen vier Bereichen stetig bestrebt, auf führendem Niveau zu sein. Im April 2012 haben wir entsprechend zusammen mit unserem Technologiepartner NasdaqOMX die weltweit schnellste Börsenplattform installiert und gleichzeitig unsere Kapazität auf über 20‘000 Orders pro Sekunde verdoppelt. Im Nachgang  haben wir dieses Jahr auch neue Risikomanagement-Systeme eingeführt. Seit knapp zwei Jahrzehnten, also seit der Einführung des elektronischen Handels, verfügen wir in ganz Europa zudem über die beste Stabilität. Da die Schweiz einen derart grossen internationalen Wertschriftenmarkt leitet, welcher als Kapitalisierungsader der offenen Volkswirtschaft gilt, schuldet die Schweizer Börse den Marktteilnehmenden diesen erstklassigen Service. Künftig wird die Schweizer Börse sich auf die Optimierung und Erweiterung der Funktionalitäten sowie die Erhaltung der Stabilität fokussieren.

Wie kann sich die Schweizer Börse von der Konkurrenz im Ausland abheben?

Christian Katz: Wir bewegen uns in einem hoch technologischen Umfeld, in welchem natürlich technische Aspekte entscheidende Unterschiede machen können. Die Technologie ist unserer Ansicht nach allerdings nur hinreichende Bedingung. Wir machen den Unterschied durch die Interaktion mit unseren Kunden und den weiteren Anspruchsgruppen, getreu dem Motto «People make the difference». Hier liegen denn auch unsere Stärken: Wir sind nahe an den Kunden und setzen für sie und mit ihnen Innovation um. Am Ende definieren wir uns darüber, wie die Kunden mit uns Erfolg haben und nicht darüber, wie wir Erfolg mit unseren Kunden haben.

Wie gehen Sie mit den verschiedenen Risiken (z.B. einem Kollaps des IT-Systems) um? Kann man sich genügend auf solche Ereignisse vorbereiten?

Christian Katz: Man kann sich genügend auf mögliche Risiken vorbereiten. Risikomanagement ist unser tägliches Geschäft und beschäftigt uns deshalb rund um die Uhr. Des Weiteren ist es Bestandteil unseres Auftrages gegenüber den Kunden. Wir agieren in diesem Bereich daher sehr erfolgreich und wurden bis anhin noch nie von einer unlösbaren Situation überrascht.

Welche Trends stellen Sie bei den Verfahren fest, welche die Börse eröffnen musste, etwa wegen Insiderhandel oder Verletzung der Ad-hoc-Publizität? Hat die Anzahl Verfahren zugenommen?

Christian Katz: Grundsätzlich werden solche Verfahren über die von der Schweizer Börse organisatorisch unabhängige SIX Exchange Regulation abgehandelt. Ein entscheidender neuer Trend ist sicherlich, dass sich der Straftatbestand des Insiderhandels nach der Teilrevision des Börsengesetzes im Mai 2013 verändert hat. Wir befinden uns allerdings erst am Anfang dieser neuen Phase und es muss sich erst noch zeigen, wie sich Situation und Anzahl Verfahren unter dem neuen Straftatbestand entwickeln werden.

Wohin geht die Reise für den Finanzplatz Schweiz und wie wappnet sich die Schweizer Börse dafür?

Christian Katz: Der Finanzplatz befindet sich, so hoffe ich, nun in einer Endphase in den Abhandlungen der Vergangenheit. Mit der Neuorientierung tauchen neue Fragestellungen auf, auf die sich die Schweizer Börse vorbereiten muss. Zum Beispiel, ob Offshore-Banking zu einem grossen Teil durch Onshore-Banking substituiert werden wird. Dies hätte unmittelbare Konsequenzen auf die Infrastruktur der gesamten SIX und auch der Schweizer Börse, welche wir künftig zur Verfügung stellen müssten. Der Kapitalbedarf der Schweizer Wirtschaft, welche jährlich dutzende Milliarden Franken an Kapital über die Börse aufnimmt, und der globalen Player wird je nach neuer Ausrichtung deutlich höher ausfallen. Eine weitere zentrale Frage ist, ob die Initiative des Bundesrates, der Bankiervereinigung und der Swiss Funds & Asset Management Association zur Etablierung der Schweiz als Vermögensverwaltungszentrum erfolgreich sein wird. Die Schweizer Börse versucht sich in dieser Diskussion positiv einzubringen und der Initiative zum Erfolg zu verhelfen.

Welches sind aktuell die grössten Herausforderungen der Schweizer Börse?

Christian Katz: Einerseits der Finanzplatz London, der für uns eine sehr grosse Konkurrenz darstellt. Andererseits hat die Fragmentierung und schwach aufgesetzte Regulierung in der EU zu einer grossen Anzahl von schlecht bis gar nicht regulierten Marktbetreibern geführt. Die europäischen Banken führen daher teils sehr intransparente Plattformen. Dies wird uns als zentraler, regulierter Markt der freien Gesellschaft sicherlich weiterhin herausfordern.
 

Dr. Christian Katz

Christian Katz

 

CEO SIX Swiss Exchange