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  • Datum: 23.04.2014

Versicherungsbranche vor rosiger Zukunft 

Interviewpartner: Bruno Pfister, Group CEO SwissLife

Mitte Jahr werden Sie das Amt als CEO der SwissLife nach 6 Jahren an Patrick Frost übergeben. Welche Entwicklungen haben die Versicherungsbranche in dieser Zeit massgeblich geprägt?

Bruno Pfister: Das prägendste Ereignis in dieser Zeit war sicherlich die Finanzkrise und deren Folgen. Zudem haben sich zwei Megatrends, die auf die Versicherungsbranche zukommen, auch in den letzten Jahren weiter etabliert. Der eine ist die Alterung der Gesellschaft, die Auswirkungen auf die Bereiche Vorsorge, Pensionskassen und Lebensversicherungen haben wird. Der zweite ist – ob man das wahrhaben will oder nicht – der Klimawandel, der noch nicht abschätzbare Konsequenzen auf Sach- und letztlich auch Rückversicherungen nach sich ziehen wird.

Welche aussen- und innenpolitischen Entwicklungen beschäftigen die schweizerischen Leben- und Nichtleben-Versicherer denn als Folge der Finanzkrise und dieser Megatrends am meisten?

Bruno Pfister: Grosse Ereignisse werfen ja bekanntlich Ihre Schatten voraus, das heisst, gewisse Tatbestände waren schon vor der Krise latent vorhanden, haben sich dann aber mit Verschärfung der Situation manifestiert und entsprechende Konsequenzen ausgelöst. Kombiniert mit der Finanzkrise haben diese absehbaren Szenarien zu einer ganzen Reihe von einschneidenden Regeländerungen von Seiten des Gesetzgebers geführt. Zu diesen gehören unter anderem die Vorschriften zur Eigenmittelunterlegung für Banken und Versicherungen. Die Bestrebungen der Branche und des Staates haben als gemeinsames Ziel, dass ähnliche Szenarien, wie wir sie erlebt haben, nie mehr vorkommen dürfen. Der Staat will insbesondere keine Rettungsaktionen für angeschlagene Finanzinstitute mehr durchführen müssen, sondern bei Bedarf ein Institut durchaus auch in einen geordneten Konkurs gehen lassen, ohne dass das ganze System in sich zusammenbricht.

Sind die angedachten Massnahmen wirksam genug, um eine weitere Finanzkrise in Zukunft verhindern zu können?

Bruno Pfister: Typischerweise entstehen Krisen meistens da, wo man sie nicht erwartet. Die Antwort des Gesetzgebers ist immer rückwärtsgerichtet auf etwas, das man schon kennt. Von daher können immer wieder Probleme und Krisen entstehen, auf die man nicht vorbereitet ist. Einige der neuen Regeln sind aber sicher zielführend und schlagen den richtigen Weg ein. Die Solvency II-Bestimmungen zur Regelung der Eigenmittelunterlegung wurzeln zum Beispiel nicht in der letzten Finanzkrise, sondern im Platzen der Internet-Blase während der Jahre 2001 und 2002. Mit Solvency I wurden damals nämlich die Bilanzrisiken nicht ausreichend abgebildet, was zur Entwicklung von Solvency II führte. Im Gesamtkontext muss man sich aber bewusst sein, dass Risiken letztlich nur reduziert, aber nicht gänzlich eliminiert werden können.

Welches ist der richtige Weg zur nachhaltigen Finanzierung der Vorsorge, um auf den Megatrend der Alterung der Gesellschaft zurückzukommen?

Bruno Pfister: Wir werden auch in der Schweiz nicht darum herum kommen, das Renteneintrittsalter der Entwicklung der steigenden Lebenserwartung anzupassen. Bereits im kommenden Jahr werden in der Schweiz mehr Personen aus dem Erwerbsleben austreten als junge Arbeitskräfte in das Berufsleben einsteigen. Zusätzlich zum Problem der Finanzierung der Altersvorsorge werden wir in der Schweiz einen Mangel nicht nur an qualifizierten Fachkräften, sondern generell an Arbeitskräften haben. Die Wirtschaft wird umdenken und in Zukunft vermehrt auch älteren Menschen Arbeit anbieten müssen. Durch Zuwanderung allein – speziell nach dem Volksentscheid vom 9. Februar 2014 – wird der zukünftige Bedarf nicht gedeckt werden können.

Andere europäische Länder wie Grossbritannien zum Beispiel haben bereits flexiblere Altersvorsorge- und Bezugsmodelle entwickelt. Kann die Schweiz daraus lernen?

Bruno Pfister: In der Schweiz ist unser Vorsorgesystem mit der ersten und zweiten Säule bis dato noch gesund und gut finanziert. Das ist in einem vergleichbaren Ausmasse kaum in einem anderen Land der Fall. Darin liegt aber fatalerweise auch diegrosse Herausforderung, da der Bevölkerung der entsprechende Anpassungsbedarf erklärt werden muss, obwohl noch kein Leidensdruck spürbar ist. Unser System der direkten Demokratie setzt für solche Anpassungen aber politische Mehrheiten voraus, die dafür heute noch nicht vorhanden sind.

Den Klimawandel nennen Sie als zweiten grossen Faktor mit viel Einfluss auf das Assekuranzgeschäft. Mit welchen Anpassungen Ihrer Branche können wir rechnen?

Bruno Pfister: Die Schadenshäufigkeit und deren Verläufe stellen sich angesichts des Klimawandels anders dar als in der Vergangenheit. Seien das zum Beispiel die Häufigkeit und Intensität von Wirbelstürmen oder vermehrte Hochwassersituationen. Die Branche hat natürlich ein grosses Interesse an der Prävention und Eindämmung der klimatischen Veränderungen, sofern diese denn wirklich die Ursache für die erwähnten Phänomene sind. Mit der aktuellen politischen Lage, sprich der Aufteilung der Welt in einzelne Länder mit sehr unterschiedlichen, im Teil sogar gegenläufigen Interessen, sind solche Massnahmen jedoch nicht einfach umzusetzen.

Welche Auswirkungen haben diese Megatrends auf das Geschäftsmodell der SwissLife?

Bruno Pfister: Zu den bereits angesprochenen Veränderungen demografischer wie auch klimatischer Art beobachten wir weitere relevante Veränderungen vor allem im Bereich der Regularien. Ich möchte hier neue Ansätze im Verbraucherschutz nennen, die Diskussion um Corporate Governance und die Entlöhnung im Top-Management. Ebenso eine zunehmende Kriminalisierung und Verfolgung von Steuerdelikten im grenzüberschreitenden Verkehr. Diese Breite an Veränderungen im gesamten Wirtschaftssystem und in der Rahmenordnung widerspiegelt sich durchaus in der Organisation, der Strukturierung und im Geschäftsmodell der SwissLife. Das beginnt auf Unternehmensstufe mit Produkt-Anpassungen und reicht makroökonomisch bis zu den künstlich niedrig gehaltenen Zinsen durch die Notenbanken zur Konjunkturförderung. All dies schlägt sich letztlich direkt und negativ auf das Geschäftsmodell von Finanzdienstleistern, aber auch auf die Geschäftstätigkeit von privaten wie institutionellen Anlegern nieder.

Wie haben Sie die Innovationskraft des Unternehmens SwissLife gestärkt? Beziehen Sie auch Mitarbeitende in die Innovationsentwicklung ein?

Bruno Pfister: Innovation beinhaltet nicht nur Produktneuerungen, sondern findet auch bei System- und Prozessveränderungen statt. Ferner legen wir auch sehr viel Wert auf Innovation in der Beratung und der Kundenorientierung. Innovation lebt heute nicht nur von der Qualität einer Lösung, sondern auch von der Geschwindigkeit, mit der eine Idee zur Marktreife gebracht wird. Diesen Zyklus konnten wir von rund zwölf auf ein bis drei Monate verkürzen. Während früher oft Komplexität als Ausdruck von Qualität galt, ist es heute die Einfachheit unserer Plattformen, mit der wir punkten möchten und dies auch tun. Die Mitarbeitenden in unserem Unternehmen sind bei all dem aber letztlich matchentscheidend.

Wie haben sich die Kundenbedürfnisse in den letzten Jahren verändert?

Bruno Pfister: Die grösste Veränderung sind die rekordtiefen Zinsen, die die Erfüllung der Spar- und Kapitaläufnungsziele wesentlich erschwert. Das Geschäftsmodell Kapitalansparen und mit 3 bis 6 Prozent während Jahren und Jahrzehnten zu verzinsen, funktioniert heute so nicht mehr. Aber auch bei den Kunden stellen wir Verhaltensänderungen fest: Die Möglichkeiten, Angebote und Produkte auf dem Markt zu vergleichen sind heute viel einfacher. Zudem definiert der Regulator, dass wir die Kunden transparenter informieren müssen. Mit anderen Worten: Wir haben heute deutlich besser informierte Kunden als noch vor 20 Jahren, was wir aber unbedingt als Ansporn nehmen sollten, um das Interesse des Kunden noch stärker ins Zentrum unserer strategischen Ausrichtung zu rücken.

 

Was bedeutet das für die Arbeit Ihrer Kundenberater konkret?

 

Bruno Pfister: Die Anforderungen an die Beratung des Kunden haben deutlich zugenommen, da die einfache Logik aus früheren Jahren von Garantien und Überschussen von Anlagerenditen heute nicht mehr ausreicht. Wir verfügen aber dank langfristigen Investitionen immer noch über eine gesunde und nachhaltige Rentabilität unserer Aktivseite, die deutlich über dem gesetzlichen Minimum liegt. Die Renditeerosion aufgrund der gefallenen Zinsen greift deshalb bei uns nur sehr langsam. Im Gegenzug darf der Anleger bei steigenden Zinsen auch nicht von einem sofortigen Anstieg der Rendite auf seinem Portfolio ausgehen. Unsere Strategie glättet die Effekte und reduziert so das Risiko für unsere Kunden.

 

Welches Gewicht weisen Sie der Digitalisierung und dem Datenmanagement zu? Welche Chancen und Gefahren sehen Sie in diesem Thema?

 

Bruno Pfister: Die Digitalisierung unserer Dienstleistung wird sich mit dem Generationenwechsel zu den so genannten «Digital natives» weiter beschleunigen. Lange war der klassische Vertriebskanal von Lebensversicherungen das persönliche Gespräch mit einem unserer Agenten, einem Broker oder einem Finanzberater. Dies wird sich ändern. Die Digitalisierung wird eine systematischere und vollständigere Erfassung der Kundeninformationen erlauben. Nur durch das Aufnehmen und Analysieren von Kundendaten können wir die richtigen Produkte und Angebote im richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort zur Verfügung stellen. Die Rückseite dieser Medaille ist natürlich der Datenschutz, und da ist vor allem auch die internationale Gemeinschaft gefordert. Denn heute werden weltweit noch zu viele Daten aus der mobilen und elektronischen Kommunikation gesammelt und gespeichert, über deren Schutz und Verwendung noch viele Unsicherheiten bestehen. In dieser Entwicklung ist das letzte Kapitel sicher noch nicht geschrieben.

 

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Branche in der Zukunft?

 

Bruno Pfister: Der Versicherungsbranche attestiere ich insgesamt eine rosige Zukunft, da weltweit das Bewusstsein und der Wille, Lebens- und Sachrisiken zu einem günstigen Preis zu kollektivieren und sich dadurch zu schützen, weiter zunehmen werden. Der immer einfachere Zugang zu diesen Produkten über elektronische Vertriebskanäle wird das Seine zum Wachstum des Versicherungsmarktes beitragen.

 

Und zum Abschluss: Wie sehen Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft aus?

 

Bruno Pfister: Nach meinem Abschied hier Ende Juni werde ich zuerst längere Ferien mit meiner Familie machen. Was dann kommt, ist noch offen.

 

Bruno Pfister

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Group CEO SwissLife