Schweiz

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  • Datum: 13.03.2013

«Hinweisen muss nachgegangen werden» 

Interviewpartner: Anne van Heerden, Head Forensic und Risk Consulting bei KPMG

Sie haben eine Studie zum Thema Wirtschaftskriminalität publiziert. Was waren für Sie die überraschendsten Resultate?

Anne van Heerden: Wir kennen das Phänomen der Wirtschaftskriminalität mittlerweile doch recht gut. Dennoch sind auch wir immer wieder überrascht über den Umfang oder die Art und Weise, wie ein Delikt begangen wurde. Was mich bei der aktuellen Dreiländer-Umfrage überrascht hat, ist die höhe der durchschnittlichen Deliktsumme: 360 000 Franken ist der Schaden, der pro Fall in der Schweiz entsteht. Diese Summe liegt deutlich über den Werten in Deutschland oder Österreich und macht deutlich, dass die Unternehmen doch substanzielle Verluste durch Wirtschaftskriminalität erleiden.

Was sind denn typische Wirtschaftsdelikte?

Anne van Heerden: Über die untersuchten drei Länder betrachtet, wird die Rangliste der häufigsten Delikte angeführt von Diebstahl und Unterschlagung. In der Schweiz sind von diesen Deliktarten vor allem KMU betroffen. Konkret handelt es sich um Warendiebstahl oder die Unterschlagung von Geldern. Wir haben die Unternehmen gefragt, wie sie die Risiken einschätzen, von einzelnen Delikaten betroffen zu sein. Die Verletzung von Schutz und Urheberrechten oder etwa Datendiebstahl sind reelle Gefahren, denen sich die Unternehmen offenbar bewusst sind. Was hingegen Diebstahl und Unterschlagung betrifft, so werden diese Delikte deutlich unterschätzt. Dies überrascht vor allem deshalb, weil durch diese Delikte die mit Abstand grössten Schäden entstehen.

Sie haben in der aktuellen Studie einen besonderen Fokus auf KMU gelegt. Inwiefern unterscheidet sich Wirtschaftskriminalität in KMU von der in Grossunternehmen?

Anne van Heerden: Man hört zwar in den Medien oft von Betrugs-, Hinterziehungs-, oder Veruntreuungsfällen aus grossen Unternehmen. Es ist aber keinesfalls so, dass Wirtschaftskriminalität in KMU viel deutlich seltener vorkommt. Gerade dort herrschen oftmals enge Vertrauensverhältnisse, die vielfach auch missbraucht werden, weil man vielleicht etwas weniger genau hinsieht. Im Falle von KMU spielen aber insbesondere auch die Täter von aussen eine wichtige Rolle. Mehr als die Hälfte der Täter in KMU stammt nicht aus den eigenen Reihen, sondern von ausserhalb. Demgegenüber sind es in Grossunternehmen vorwiegend die eigenen Mitarbeitenden, die kriminell werden.

Was geschieht, wenn ein Delikt aufgedeckt wird? Wird dieses überhaupt publik?

Anne van Heerden: Die Aufklärung solcher Vorkommnisse ist für das Unternehmen oft unangenehm. In vielen Fällen waren die Kontrollen nicht ausreichend oder es wurden nicht genügend Vorkehrungen getroffen. Es ist deshalb nicht immer vorteilhaft, solche Sachverhalte publik zu machen. Zudem kann flexibler ermittelt oder eine individuelle Rückzahlung vereinbart werden, wenn keine Anklage erhoben wird. Neben einer strafrechtlichen Anklage können die Unternehmen aber auch arbeitsrechtlich oder zivilrechtlich gegen die Täter vorgehen, indem sie zum Beispiel Schadenersatz fordern oder eine Kündigung aussprechen.

Kann ein Unternehmen Vorkehrungen treffen, damit solche Fälle schneller aufgedeckt werden oder gar nicht erst entstehen?

Anne van Heerden: Ja, durchaus. Wirtschaftsdelikte fliegen ja nicht von selbst auf. Meistens sind es konzerninterne oder externe Hinweise, die schlussendlich zur Aufdeckung von Delikten führen. Dies hat auch unsere Untersuchung bestätigt. Es ist deshalb immens wichtig, dass es entsprechende Stellen gibt, die sich um solche Hinweise kümmern und diese weiterverfolgen. Whistleblowing Hotlines sind hier ein wichtiges Thema. Es kann aber auch eine interne Anlaufstelle oder eine Art Ombudsmann sein. Zusätzlich können auch präventive Massnahmen ergriffen werden, um die Entstehung von Wirtschaftsdelikten möglichst zu vermeiden. Die Einführung von Leitbildern genügt eben nicht. Es muss eine ethische Unternehmenskultur verankert und gelebt werden. Um dies zu erreichen, können beispielsweise gezielte Schulungen durchgeführt werden.

Genügen denn ein verantwortungsbewusstes Umfeld und eine ethische Unternehmenskultur?

Anne van Heerden: Das sind ganz wichtige Aspekte. Es ist aber klar, dass auch wirksame Kontrollen notwendig sind. Das Vieraugenprinzip kann hier vielerorts bereits helfen. Es geht bei diesen Massnahmen aber auch um die Verwaltung von Zugriffsrechten, die Sicherung von Daten und eine sinnvolle Überwachung von sensiblen Bereichen. Damit können die Hürden für kriminelle Taten möglichst hoch gehalten werden. Es gilt aber auch, dafür zu sorgen, dass sich die Mitarbeitenden bewusst sind, dass Kontrollen existieren, und dass sie die internen Richtlinien auch kennen.

Sind Sie persönlich insgesamt misstrauischer geworden?

Anne van Heerden: Ich schaue effektiv auch im Privatleben des Öfteren genauer hin (lacht). Es ist tatsächlich immer wieder erstaunlich, wie einfallsreich die Delinquenten sind. Wenn wir zur Aufklärung eines Falles gerufen werden und sich der Verdacht erhärtet, werden nicht selten auch weitere Straftaten entdeckt, die von keinem erwartet wurden.
Interview: Michael Frei, Marketing & Communications
 

Anne van Heerden

Anne van Heerden

 

Head Forensic und Risk Consulting bei KPMG

Wirtschaftskriminalitätsstudie Schweiz, Deutschland und Österreich

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Eine umfangreiche Studie von KPMG zum Thema Wirtschaftskriminalität in der Schweiz, Deutschland und Österreich.