Schweiz

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  • Datum: 01.09.2010
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Die sechs Wachstumstreiber einer erfolgreichen Schweizer Wirtschaft 

Die Europäische Union wird derzeit auf eine harte Probe gestellt: Viele Staaten sind massiv verschuldet, der Wirtschaftsmotor kommt nur zögerlich auf Touren und das Vertrauen in den Euro wurde erschüttert. Welche Konsequenzen dies für die Schweizer Wirtschaft hat, und welche Wachstumstreiber uns wieder auf den Pfad des Erfolgs bringen können, erläutert Gerold Bührer, Präsident der economiesuisse, wenige Tage bevor sich die Schweizer Wirtschaft und Vertreter der Politik zum Dialog am «Tag der Wirtschaft» in Basel treffen. 

KPMGnews: Am 3. September findet in Basel der Tag der Wirtschaft statt. Welches sind die grossen Themen, die diskutiert werden?

 

Gerold Bührer: Es freut mich, dass sich die Schweizer Wirtschaft dieses Jahr in Basel trifft. Basel verkörpert zwei Elemente, und diese stellen auch den Fokus der Tagung dar: nämlich Innovation und Offenheit. Als Standort der Pharmabranche ist Basel ein Musterbeispiel für Innovation. Offenheit zeigt sich daran, wie Basel es über die Jahre immer geschafft hat, sich im Dreiländereck zwischen Frankreich und Deutschland zu arrangieren. Speziell freut es mich, dass es uns gelungen ist, den deutschen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble als Gast zu gewinnen. Wir werden einen offenen Dialog führen, wie wir in Zukunft die Werte Offenheit und Innovation als Garanten wirtschaftlicher Schlagkraft aufrechterhalten und stärken können. Auf diese Diskussion freue ich mich persönlich sehr!

 

Die Europäische Union wird derzeit auf eine harte Probe gestellt: Viele Staaten sind massiv verschuldet, der Wirtschaftsmotor kommt nur zögerlich auf Touren und das Vertrauen in den Euro wird auf eine harte Probe gestellt. Welche Konsequenzen hat dies für die Schweizer Wirtschaft? 

 

Bührer: Die europäischen Staaten werden auch über die konjunkturelle Erholung hinaus einen hohen Verschuldungsgrad aufweisen, was für die Schweizer Wirtschaft ein erhebliches Handicap darstellt. Das Wachstum in den westeuropäischen Staaten wird im globalen Vergleich noch über Jahre hinaus gebremst werden. Für die Schweiz heisst das einerseits, dass wir die Kosten möglichst tief halten, die Innovationskraft der einheimischen Wirtschaft stärken und unsere Exporte in dynamische Regionen wie Asien oder Südamerika anteilsmässig weiter erhöhen müssen.

 

Ist eine eigene Schweizer Währung angesichts der Euro-Schwäche kein Handicap?

 

Bührer: Immer, wenn wir von eigentlichen Währungs-Schocks beziehungsweise grossen Sprüngen in den Devisenkursen heimgesucht werden – sei das vor einiger Zeit beim US-Dollar und dieses Jahr beim Euro – so schafft das natürlich Probleme, auch wenn viele Unternehmen die Einengung der Margen erst verzögert wahrnehmen. Längerfristig, das heisst über die vergangenen Jahrzehnte betrachtet, hat die schweizerische Volkswirtschaft die Aufwertung des Frankens letztlich aber verkraftet. Der massive und stete Druck auf die Schweiz, kompetitiv sein zu müssen, hat sich langfristig heilsam ausgewirkt. Wir müssen davon ausgehen, dass der Schweizer Franken auch in Zukunft stark bleiben wird. Die hiesigen Unternehmen müssen damit leben. Andererseits möchte ich – und damit spreche ich auch als Vertreter der exportierenden Industrie – die Schweiz nicht in einem weichen Währungsraum wissen. Allein der Zinsvorteil für unsere kapitalintensive Volkswirtschaft und die soziale Stabilität, die eine starke und deshalb vertrauenswürdige Währung mit sich bringt, sind Vorteile genug.

 

Wie beurteilt die Wirtschaft die Zukunft der EU im Allgemeinen und der Europäischen Währungsunion im Besonderen?

 

Bührer: Erstens möchte ich festhalten, dass wir die Entwicklungen in Europa keineswegs mit Schadenfreude beobachten. Im Gegenteil: die Schweiz hat höchstes Interesse an einer gut und stabil funktionierenden Europäischen Währungsunion. Die Verschuldungskrise ist natürlich noch nicht ausgestanden. In einzelnen Staaten wird der Schuldenberg noch weiter und zum Teil deutlich über die Marke von 100 Prozent des BIP ansteigen, was eine enorme, ja unvorstellbare Dimension darstellt, die noch während Jahren für Verunsicherung sorgen wird. Nun müssen meines Erachtens die Maastrichter Kriterien endlich stringent durchgesetzt werden, und auch ein Mechanismus zur Sanktion von entsprechenden Verfehlungen muss installiert werden.

 

Ferner bleibt abzuwarten, ob die Europäische Zentralbank (EZB) wieder zu einer konsequenten Politik zurückfinden kann. Sie hat in der Vergangenheit teilweise ihre eigenen Grundsätze über den Haufen geworfen. Wir sind noch nicht davor gefeit, dass jederzeit eine neue Krise ausbrechen könnte, wenn es der EZB und den einzelnen Staaten nicht gelingt, das Vertrauen in die Währung zurück zu gewinnen.

 

Ein starkes Wirtschaftswachstum war schon immer der beste – weil politisch akzeptabelste – Weg, um aus der Staatsverschuldung herauszukommen. Haben die Schweiz und die umliegenden EU-Länder Ihres Erachtens genügend Kraft, um ihre Schuldenberge über ein künftiges Wachstum abzutragen?

 

Bührer: Das ist so, das einfachste Szenario wäre natürlich, wenn die unterdurchschnittliche Wachstumsdynamik beflügelt werden könnte. Doch wenn wir die Wachstumsbremsen genauer analysieren, stellen wir fest, dass diese kaum sehr schnell gelöst werden können. Es sind meines Erachtens drei strukturelle Bremsklötze, die vorerst eine gesunde Wirtschaftsentwicklung verhindern: Erstens hat Europa im globalen Vergleich eine viel zu hohe Besteuerung, die ein prosperierendes Unternehmertum bremst; zweitens steht in vielen europäischen Ländern ein viel zu starrer Arbeitsmarkt der wirtschaftlichen Entwicklung im Wege, und drittens haben wir in Europa zu viel Bürokratie und zu enge Leitplanken bezüglich Innovation, Forschung und Entwicklung.

 

Wie können die Schweizer Sozialwerke in Zukunft nachhaltig finanziert werden? Welchen Beitrag kann die Wirtschaft dazu leisten?

 

Bührer: Die immense Verschuldung einzelner Staaten ist natürlich stark auf die Überbeanspruchung der Sozialwerke zurückzuführen. Ich hoffe, dass die Schweiz von den negativen Erfahrungen und Unterlassungen anderer Staaten lernt und nun gewarnt ist, nicht in dieselbe Negativspirale zu geraten. Einen ersten Hinweis darauf, ob das Bewusstsein für die Probleme der Zukunft vorhanden ist, werden wir bei der Abstimmung zur Arbeitslosenversicherung im September haben, wo man sich ja auf eine moderate Lösung, je hälftig auf der Einnahmen- und Ausgabenseite geeinigt hat. Eine weitere Herausforderung besteht natürlich in der demografischen Entwicklung und der Altersvorsorge. Die Erhöhung des Rentenalters wird unumgänglich sein. Dabei ziele ich  vor allem auf eine Erhöhung der Erwerbsquote im Segment der über 65-Jährigen durch Anreizstrukturen ab, die Arbeit im Alter attraktiv machen sollen.

 

Verschiedentlich sind Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung zu erkennen, wenngleich diese nur Teilbereiche der Wirtschaft betreffen und noch schwach wirken. Dürfen beide, die Export- wie auch die Binnenwirtschaft, mit einem Aufschwung rechnen?

 

Bührer: Die Zahlen bestätigen tatsächlich einen moderaten Aufschwung, der sogar über unseren Erwartungen liegt. Die Exportdynamik ist trotz Wechselkurs-Problematik mit sieben Prozent beachtlich und wird meines Erachtens auch noch anhalten. Dämpfer könnte im Jahr 2011 neben den bekannten Schwächen im europäischen Markt und dem Kurs des Euros das Abflauen überhitzter Märkte in Asien sein. Die Entwicklung im Binnenmarkt beurteile ich durchaus positiv. Allein schon der Rückgang der Arbeitslosenquote auf deutlich unter vier Prozent und die vorderhand tiefen Zinsen stützen die Binnennachfrage solide ab. Dazu kommt noch der grosse Vorteil der Schweiz als äusserst attraktiver Investitionsstandort, der bezüglich zukünftigen Steuererhöhungen und anderen Unsicherheitsfaktoren gegenüber dem umliegenden Ausland die Nase vorn hat.

 

Auch die Schweiz wird derzeit von einer eigentlichen Flut an Regulierungen, zumindest aber von einer Forderungswelle nach mehr Gesetzen heimgesucht. Wo täte Ihres Erachtens die gegenteilige Entwicklung Not, nämlich eine eigentliche Deregulierungswelle?

 

Bührer: Wenn die Schweiz eine Entwicklung mitgemacht hat, die in verschiedener Hinsicht negativ ist, ist es der Glaube, dass mit perfektionistischer Regulierung alles und jedes Risiko in sichere Bahnen gelenkt werden können. Diese risikoaverse Geisteshaltung, die grundsätzlich mit dem  Unternehmertum und Innovation in Konflikt steht, hat leider auch bei uns überhand gewonnen. Übertreibungen, wie wir sie beispielsweise im Verkehrs- oder  im Baurecht sowie bei den Einspracheverfahren antreffen, müssen wir entschieden entgegentreten. Klar, jeder ökonomische Betriebsunfall ist einer zu viel, doch der Zug ist zu lange in eine falsche Richtung gefahren. Ich bin jedoch sehr froh darüber, dass die Schweiz im Rahmen von Konjunkturpaketen im Gegensatz zu unseren europäischen Nachbarn nicht zu viel gemacht hat, auch wenn der innenpolitische Druck diesbezüglich sehr gross war. Hier hat die Regierung für einmal Disziplin bewahrt.

 

Gibt es andere Bereiche, in denen neue Regulierungen Sinn machen – sprich: Wirtschaft und Gesellschaft stärken könnten?

 

Bührer: Wir hatten mit der Finanzkrise ein Problem auf Ebene der systemischen Risiken unter dem Begriff «to big to fail». Dass hier Massnahmen im Bereich Eigenmittelunterlegung, Entschädigungsrichtlinien und Liquiditätsvorschriften notwendig waren, ist auch innerhalb der Branche unbestritten. Diese Massnahmen haben wir auch unterstützt. Dazu muss man sagen, dass die Schweiz als eines der wenigen Länder nicht nur von notwendigen Schritten gesprochen, sondern diese auch umgesetzt hat.

 

Was wünschen Sie sich von der künftigen Wirtschaftspolitik, von Behörden und Parteien?

 

Bührer: Ich wünsche mir, dass wir in der Schweiz den Fokus auf einer langfristigen und auf marktwirtschaftlichen Prinzipen gestützte Wachstumspolitik halten. Ich halte wenig von kurzfristigen Mammutprogrammen zur Konjunkturankurbelung, die letztlich eine sehr kurze Halbwertzeit haben und keine nachhaltige Wirkung zu erzielen vermögen. Konkret müssen wir für die Schweiz erstens möglichst offene Zugänge zu den Weltmärkten erreichen, zweitens ein möglichst liberales Arbeitsrecht, drittens ein attraktives steuerliches Umfeld, viertens beste Voraussetzungen für Bildung und Forschung, fünftens mehr Wettbewerb sowie eine Eingrenzung der Bürokratie und – last but not least – eine hohe soziale Stabilität sicherstellen. Die Pflege dieser sechs Wachstumstreiber ist viel wirksamer als kurzfristige Konjunkturprogramme. 

 

Interview: Andreas Hammer, Brand & Communications

Kurzlebenslauf

Gerold Bührer schloss 1972 sein Studium der Wirtschaftswissenschaften (lic. oec. publ.) an der Universität Zürich ab. Nach 17-jähriger Tätigkeit im Finanzbereich der Schweizerischen Bankgesellschaft als Mitglied der Direktion und als Mitglied der Geschäftsleitung der zur SBG gehörenden Fondsgesellschaft war er von 1991 bis 2000 Mitglied der Konzernleitung (Finanzen) der Georg Fischer AG. Seit 2001 ist er als selbständiger Wirtschaftsberater tätig und seit Ende 2006 Präsident des Wirtschaftsdachverbands economiesuisse. Gerold Bührer war für die FDP von 1982 bis 1991 Mitglied des Grossen Rats des Kantons Schaffhausen und von 1991 bis 2007 Mitglied des Nationalrats.
 

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